Wir bauen den Tempel der Humanität

 

Wir bauen den Tempel der Humanität

Von Andreas Gruss

Im Ritual der AFAM heißt es „wir bauen den Tempel der Humanität“. Dies impliziert die Frage: Was ist der Tempel der Humanität und wie bauen wir ihn ?

Wie beginnt man einen Bau?

Gemäß einer wertgebundenen Bauidee sucht man einen geeigneten Untergrund, hebt eine Grube aus und bereitet dort das Fundament, auf das später der Bau errichtet werden soll.

Übertragen bedeutet dies, man bereitet den Boden indem man mit einem Lehrgebäude Interesse weckt und sucht geeignete Menschen, die willens sind, an diesem Bau mitzuwirken. Gemeinsam schafft man dann die nötigen Grundlagen – die Basis zu diesem Vorhaben. Man zeichnet einen Bauriss, um mit diesem das Vorhaben klar zu definieren und vorzubereiten. Dieser Bauplan zeichnet den Weg bis zur vollkommenen Erstellung des Gebäudes auf. Da es sich dabei um den salomonischen Tempel handelt, der für uns Freimaurer durch und durch voller Symbole  und Allegorien steckt, hat das selbstredend einen tieferen Sinn.

Die mächtigen Säulen und Mauern bedürfen eines starken Fundamentes, eines Fundamentes, dass nicht in weichem Sand, sondern in festem Untergrund eingelassen werden muss. Das Fundament selbst hat dann selbst so dick und stark zu sein, dass es jeglichen Erdbeben, Gegenstürmen und Überschwemmungen standhalten kann- nur so macht es wirklich Sinn.

Ein Konstrukt auf tönernen Füßen bricht leicht zusammen. Daher muss mit charakterfesten, weitblickenden und erkenntnisorientierten Menschen ein Lehrgebäude oder eine Philosophie erarbeitet werden, die als Grundlage der freimaurerischen Idee über Jahrhunderte Bestand hat. Die „Freimaurerische Ordnung“ oder die „Alten Pflichten“ sind dies sicherlich nicht, sondern nur ein kleiner, eher unbedeutender Teil davon.

Nicht zuletzt aus dem Grunde, weil die „Alten Pflichten“ von Andersonaus dem Jahr 1723 auf frühere Werke (siehe Mysterien der Freimaurer; Friedrich Albert Fallou, Leipzig 1859, sowie www.muellerscience.com ) zurückzuführen sind.

Diese sind im Besonderen:

  • Die alten Pflichten der sogenannten Yorker Constitution, aus der Zeit von 946 bis 1547
  • Die alte Pflichten nach einer vom König Wilhelm III. von England im Jahr 1694 angeordneten Redaction
  • Sowie die Grundgesetze der Freimaurerei nach einer von Halliwellmitgetheilten, in der königl. Bibliothek von London gefundenen Handschrift, das als Regius-Poem von 1390 bekannt wurde.

Sie können zwar als Richtschnur, als Anleitung dienen, aber niemals als Fundament.

Die Rituale sind unser Fundament

Das, was uns den Weg weist, das eigentliche Fundament, sind die Rituale, in denen so viel Weisheit steckt, dass wir uns ihnen vorrangig widmen sollten. Sie geben uns Symbole anhand, die uns als Werkzeug dienen.

Da uns die Rituale ja vorliegen, wäre doch eigentlich alles geklärt, das Fundament erstellt und wir könnten mit dem Mauerwerk beginnen. Eigentlich – sofern jeder das in den Ritualen lesen würde, was sie uns vermitteln wollen.

Ein großer Fehler war und ist aber, dass im Laufe der Jahrhunderte die Rituale immer wieder umgeschrieben wurden, wie bei der Bibel, die von sogenannte Correktores seit dem Konzil von Nicäa im Jahre 325 n. Chr. ständig der aktuellen Staatsmeinung anpasst wurde. Bei uns waren und sind es einzelne Brüder wie Fessler und Schröder oder die Ritualkommission, die Hand anlegten an archaische Texte, die ihren Ursprung im Alten Ägypten fanden. Bruder Alfried Lehner, selbst früher in der Ritualkommission tätig, beklagt und bedauert dies zutiefst, denn durch solche Korrekturen drohe der eigentliche tiefe Sinn der Rituale zu verwässern, wenn nicht gar vollständig zu verschwinden.

Zu unterschiedlich sind die Ansichten über den Ritualgehalt, zu unbekannt ihre wahre Botschaft. Zu abweichend die Aussagen, was der Sinn und Zweck der Freimaurerei sei, obwohl dies eigentlich nicht sein kann, denn mit ihrem Anspruch auf bestimmte Werte, wie sie uns in den Ritualen mitgeteilt werden, definiert sich die Freimaurerei selbst.

Für ein Fundament benötigt man viel Zement, guten Zement, der die losen Kiesel zusammenfügt und nahezu unlösbar zusammenkittet. Unsere Kiesel sind viel zu locker und verlaufen sich im Sand und sind damit für ein wirkliches Fundament noch ungeeignet.

Man muss unweigerlich zu dem Schluss kommen, dass das Fundament als solches überhaupt noch nicht existiert, obwohl das Material zum Guss vorhanden wäre. Denn wenn dieses Fundament der Freimaurer bereits gegossen wäre, würde unsere Gruppierung auf soliden und mächtigen Füßen stehen. Tut sie aber nicht, zumindest nicht in Deutschland. Wir befinden uns in einer Arbeitspause, wie schon ein Bruder anmerkte und gehen stempeln, uns feiern und streiten.

Die Bausteine sind die Menschen

Nehmen wir aber mal an, das Fundament sei gelegt, dann zeigt sich das nächste Hindernis in der Beschaffenheit der Bausteine, die ja die Menschen sein sollen. Viele Brüder meinen, es sei damit getan, wenn man ausschließlich an seinem eigenen Rauhen Stein arbeite. Weit gefehlt, denn wer seinen eigenen Stein nur im Geheimen bearbeitet und sich nicht in der Gemeinschaft reibt und anpasst, seine Ecken und Kanten abfeilt, der befindet sich erst in der Grundphase von Selbstgestaltung und Persönlichkeitsentwicklung.

Die Schweizer Großloge Alpina schreibt dazu: Diese Arbeit an seinem Ich vollzieht der Freimaurer aber nicht als Ich-AG. Und weiter: … darum versteht sich jeder Freimaurer als einen „rauen Stein“, dessen „Ecken und Kanten“ er selbst unter Mithilfe seiner Brüder mit dem „Spitzhammer“ bearbeiten muss, damit er sich dann als „Kubischer Stein“ in das große Bauwerk einfügen kann.

Jeder Lehrling – wir sind Lehrlinge auf Lebenszeit – benötigt einen Kapo, der seine Arbeit beurteilt, der ihm seine Fehler aufzeigt und Änderungsmöglichkeiten erwägt und anbietet. Dieser Kapo ist aber nicht der Meister, sondern der Bruder als solcher.

Um ein Stein zu werden, der ins Mauerwerk nicht nur hineinpasst, sondern es mit anderen zu einer Einheit, einer starken Trutzburg werden lässt, muss sich der Bruder Freimaurer in der Gemeinschaft bewähren, Hindernisse überbrücken, Opfer bringen, sich konstruktiver Kritik annehmen und seinen Pflichten nachkommen. Um diese schwere Aufgabe, die wir daher „Königliche Kunst“ nennen, zu bewältigen, fehlen uns weitgehend die Grundlagen, wie sie in Zen-Klöstern über Jahre antrainiert werden, bevor der Aspirant seinen weiteren Weg zur Meisterschaft in Angriff nehmen kann. Wobei dort wie in der Freimaurerei mit Meisterschaft die Überwindung des eigenen Ich gemeint ist.

Deshalb funktioniert die Freimaurerei in der Form, wie wir sie weltweit praktizieren nur unzureichend, der eigentliche Bau hält keiner statischen Prüfung stand, noch schützt er seine Bausteine gegen Verwitterung, saure Luft und andere negative Einflüsse. Nur ein durch und durch starkes Gebäude auf unverwüstlichem Fundament kann den Gefahren einer materialistisch geprägten Scheinwelt und deren Auswüchsen trotzen.

Wenn die Steine nur vereinzelt herumliegen und über ihr Selbst nicht hinauskommen, dann bleibt der Tempel eine Illusion, denn die Zusammenführung aller einzelnen Kräfte zu einem gemeinsamen Bauwerk, in dem sich die Kräfte bündeln und verstärken, unterbleibt. Die bloße Aneinanderreihung individueller Steine, ohne einen gemeinsamen Konsens, ohne gemeinsame Ziele als Richtschnur, ohne verbindende Ideen und Visionen, liegen nur lose im Verbund und bieten dem einzelnen keinen Schutz.

Zu einer Bruderschaft gehört mehr, mehr Einigkeit, mehr Gemeinschaftssinn, mehr Engagement, mehr Mut, mehr Rückgrat, mehr Streben nach Persönlichkeitsentwicklung, mehr Demokratie, mehr Vernunft, mehr Schutz und weniger Festivitäten, gesellige Runden, Selbstbeweihräucherungen, Formalismus, Überheblichkeiten, Neid, Machtallüren und Dogmatismus.

Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit sind der Mörtel

Wir behaupten zwar alle, uns auf dem gleichen Nenner zu treffen, reden von Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit als Mörtel. Deren Bedeutung aber definiert nicht jeder Bruder gleichermaßen.

Fakt ist: Sind die Meinungen über die eben genannten Begriffe zu unterschiedlich, wird der Mörtel nicht fest, als hätte man am härtenden Zement gespart, zugunsten von reichlich Kalk, der zwar alles sehr geschmeidig macht, aber den Mörtel auf Dauer brüchig und die Widerstandskraft leiden lässt. Wie in einem Businessplan, der Erfolg verspricht, müssen klare Linien und Strategien erarbeitet werden. Wir aber reichen bereits zur Bauvoranfrage ständig Änderungen nach.

Zu den Begriffen Menschenliebe, Toleranz und Brüderlichkeit seht bitte → www.lightways.de/3.html damit ich mir hier meine Auslegung ersparen kann.

Wo steht die Freimaurerei jetzt?

Wo stehen wir als Freimaurer, was tun wir für unsere Ziele, sofern wir uns damit überhaupt identifizieren können und wie viel Zivilcourage zeigen wir? Oder stecken gleich wieder Brüder den Kopf in den Sand, wenn Gefahren drohen, sie Farbe bekennen sollen? Oder empören sich, wenn z.B. engagierte Brüder eine Freimaurer Enzyklopädie online stellen, ja versuchen dies sogar zu verhindern, zu verbieten. Sind das unsere Steine? Lässt sich mit solchen Steinen Großes bauen, wie den Tempel der Humanität? Wo bleibt da die Humanität unter Brüdern, die Toleranz, die Menschenliebe?

Bruder Wolfgang M. sieht dies ähnlich: Der Bau der Humanität ist eine schöne Absicht, die für jeden Bruder Freimaurer bei der Bearbeitung seines rauhen Steines als Motivation gelten sollte. Wenn Du den Bau der Humanität rein fiktiv als ein zu erstellendes Bauwerk siehst, denken wir jedoch immer noch vage über das Fundament nach.

Hier kommt manchem Bruder schnell der Einwand: Der Weg ist das Ziel. Ein Satz, der einerseits stimmt aber von dem einen oder anderen gerne als Entschuldigung für zu weitgesteckte Ziele oder eigenes Unvermögen herangezogen wird. Hart aber wahr, denn nur der vollendete Tempel birgt die Chance die Welt zu verbessern, anders als der immer wieder scheiternde Sisyphos – mit der Hoffnung auf Gelingen und auf der festen Grundlage eines positiv-optimistischen Menschenbildes .

Es dreht sich keineswegs nur um das Individuum, sondern um die Menschheit. So schreibt es auch die Doppelloge „Friedrich-Wilhelm-Pythagoras“ i.O. Berlin: Mit diesem Tempel der Humanität, von wertgeprägten Menschen, ist die gesamte Menschheit gemeint. In Zukunft soll diese zu einer guten, besseren Gesellschaft werden.

Prof. Helmut Reinalter bezeichnet den Tempel der Humanität daher als ein Laboratorium, indem der Mensch durch Arbeit die Kräfte der Natur im Humanen zur Wirkung bringen möchte.

Doch was bedeutet Humanität und human?

Im Magazin Alpina 4/2011, der Schweizerischen Großloge Alpina schreibt Adrian Bayard: Humanität bedeutet aus dem Lateinischen übersetzt Menschlichkeit. Im freimaurerischen Sinne bedeutet Humanität gemäß dem Internationalen Freimaurer-Lexikon ’die Lehre vom Menschen und seiner Würde’. Dies wiederum bedeutet die Achtung des Menschen, unabhängig von Herkunft, Religion und Stand sowie die Anerkennung der Menschenrechte und der Meinungsfreiheit. Der Bau am Tempel der Humanität, zu dem wir uns verpflichtet haben, ist mehr als nur eine Worthülse. Er bedeutet: Agieren statt bloß reagieren!

Nach Cicero bedeutet ‚humanitas’ zunächst das, was den Menschen vom (wilden) Tier unterscheidet. Diese Unterscheidung manifestiert sich in Bildung, die dazu führen soll, alle im Menschen angelegten Möglichkeiten durch Selbsterziehung zu einem edleren Menschen zu entfalten, um eine höchstmögliche ethische Stufe zu erreichen. Nach Prof. Dr. Hermann W. zielt humanitas auf vervollkommnete Menschlichkeit, gebildete Vernunft (ratio) bestimmt das eigentliche Wesen des Menschen.

Bruder Hans E. F. hat dies in seinen Überlegungen wohl übernommen: Humanität, lat. humanitas, bedeutet vervollkommnete Menschlichkeit und impliziert, die eigene Persönlichkeit im Dienst der Humanität zu entwickeln. Humanität nach meinem Verständnis beinhaltet aber auch die Achtung vor allen Kreaturen, seien es Men¬schen, Tiere oder Pflanzen.

Wie können wir unser Vorhaben, den Tempel der Humanität zu bauen, umsetzen ?

Hans E. F.: «Toto corde, tota anima, tota virtute» («Von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft»)

Prof. Helmut Reinalter, österreichische Historiker formuliert in seinem Buch „Die Freimaurer“: Humanität, Menschlichkeit, Mitgefühl und Mitleid sind daher für den Freimaurer nicht bloße Worte, die während der rituellen Arbeit formelhaft nachgesprochen werden, sondern vor allem konkrete Praxis. Humanität ist demnach eine veredelnde menschliche Praxis. Die menschlichen Qualitäten erfährt und erlebt er dadurch, dass er sich in symbolisch-rituellen Handlungen die erwähnten Qualitäten versinnbildlicht…

Die großen Bauvorgaben der Freimaurerei – Humanität, Brüderlichkeit, Gerechtigkeit, Friedensliebe und Toleranz – treten nur dadurch aus der Welt der Schlagworte heraus, indem sich jeder einzelne Bruder um ihre Konkretisierung bemüht. Wer helfen will, eine humane Welt zu errichten, muss sich ein realitätsnahes, den Dunstkreisen der Stammtische fernes Bild der Wirklichkeit verschaffen und mit anderen Menschen guten Willens um Erkenntnis dessen ringen, was eine humane Welt angesichts menschenfeindlicher Tendenzen heutzutage bedeuten kann und wie eine solche Welt wenigstens ansatzweise zu erreichen wäre.

Es nützt auch wenig ständig in der Vergangenheit zu leben, den alten freimaurerischen Größen zu huldigen und selbst in der Versenkung ein passives Dasein zu fristen ohne öffentlich zu wagen, seine Meinung zu sagen.

Nach Hans E.F. kommt es auf das Engagement eines jeden Einzelnen an. Machen wir davon regen Gebrauch wie viele praktizierende Freimaurer vor uns.

Dies setzt Wissen, Bildung und Erkenntnis voraus, denn das Bauwerk stürzt schnell in sich zusammen, wenn es durch Ignoranz, Vereinsmeierei und dogmatische Regeln durchwoben ist, die wie Mauerfraß die Steine zerstören.

Der Humanist, Arzt und Freimaurer Bunovic schreibt: Die Freimaurerei ist eine „Philosophie des Bauens und nicht des Zerstörens, sie ist und bleibt ein ‚Werkbund’, die Loge ist eine ‚Werkstatt’.

Alle Arbeit des Freimaurers ist Arbeit an der Harmonisierung der Person und der Gemeinschaft, in der der Freimaurer lebt, also der Familie, der Loge, des Volkes, der Menschheit. Diese Aufgabe kann undankbar sein, besonders wenn man die Menschen auf Pflichten aufmerksam machen muss. Ein überzeugter Freimauer ist ein Kämpfer für die Gleichberechtigung der Menschen und für die Freiheit des Gewissens.

Bunovic beschreibt die Freimaurerei als eine „Schule zur Persönlichkeitsbildung“ auf psychoanalytischem Sachverstand.

Die ganze Menschennatur zu einem harmonischen Lebensganzen zusammenzuführen entspricht dem eigentlichen Gedanken, aus dem später der Tempel der Humanität wurde.

Bruder Karl Christian Friedrich Krause, Dresden 1808, schreibt: sich immer neu und immer schöner in die Harmonie der ganzen Menschheit einleben ist Aufgabe des Freimaureres.

Die fünf Thesen von Bruder Günter L.

Die folgenden fünf Thesen nach einem Vortrag bei der VGLD, die unsere Aufgaben als Freimaurer im 21. Jahrhundert betreffen und auch in der Humanität 2/2001 abgedruckt wurden, möchte ich nahezu ungekürzt wiedergeben, da sie Wort für Wort meine Ansichten widerspiegeln. Entnommen sind sie von der Webseite des Freimaurerischen Gesprächskreises „Grenzakazie“ in Wissembourg.

1. Wir müssen politischer werden

Unser selbst gewählter Auftrag ist der Bau am Tempel der Humanität. Das heißt: Wir arbeiten an der Verwirklichung von Humanität im Hier und Jetzt. Wir streben nach einer Gesellschaft, in der der Mensch im Mittelpunkt steht und das Maß allen Handelns ist. Das ist eindeutig ein politischer Auftrag. Politisch im klassisch-griechischen Sinn: ein Auftrag, der die Öffentlichkeit angeht, der in der Öffentlichkeit ausgeführt werden muss, nicht in der Privatheit.

„Nach Ihren Handlungen wird man Sie werten“ heißt es im Ritual bei der zweiten Reise, nicht nach Ihren guten Absichten oder vornehmen Gedanken. Alles was wir tun erhält erst dadurch seinen Wert, dass es letztendlich in der Öffentlichkeit sichtbar und wirksam wird. Gegebenenfalls eben auch durch parteipolitisches Engagement. Ist es denn wirklich so, dass Freimaurer sich viel lieber mit sich selbst beschäftigen als mit der Welt, in der sie leben? Dass unsere Hauptsorge formalen Dingen gilt wie etwa Basic Principles, Arkandisziplin, Anerkennungsfragen, Regularität, Besuchsregeln und den daraus abgeleiteten Konsequenzen? Diese Regeln und Vereinbarungen sind vor langer Zeit, den damaligen Umständen angemessen, aus bestimmten Gründen und zu bestimmten Zwecken so formuliert worden. Es handelt sich nicht um Offenbarungen und heilige Gesetze. Sie sind veränderbar, wenn sich die Umstände geändert haben.

2. Wir müssen nach innen spiritueller werden

Wir sind nicht nur ein säkularer ethischer Bund und üben uns nicht nur in tugendhaftem Verhalten. Wir sind auch eine Initiationsgemeinschaft und sind damit in der Tradition der klassischen Mysterienbünde auf einem spirituellen Weg zur Selbsterkenntnis. Unsere Rituale leiten uns nicht nur zum kognitiven Erkennen an, sondern ebenso zum intuitiven Erfahren. Sie führen nicht nur, in gut aufklärerischer Tradition, der erkennenden Vernunft die erstrebten Weisheiten und Tugenden in Worten und Taten vor Augen, damit wir uns kraft unserer Einsicht nach ihnen richten. Sie führen auch, jenseits aller Tugend und Moral, den Menschen zur Harmonie mit sich selbst und mit seiner Umwelt und zu den Quellen seines Seins. Unsere Rituale sind Gesamtkunstwerke, welche den Menschen als ganzheitliches körperlich-geistig-seelisches Wesen ansprechen und auf ihn eine mächtige, verändernde Kraft ausüben können. In jeder Tempelarbeit breitet das Ritual vor unseren Augen und Ohren die Fülle seiner symbolischen Werkzeuge aus und fordert uns auf, jedes mal neu, uns anregen zu lassen, zuzugreifen zu dem, was uns anspricht und damit weiter zu arbeiten auf dem Weg zu uns selbst.

Damit das Ritual seine verändernde Wirkung entfalten kann, damit es uns als innerlich Gewandelte und Befreite hinaus in die Welt entlässt, damit wir uns dort als Freimaurer bewähren können – dazu genügt es freilich nicht, jeden Monat einmal einer Tempelarbeit passiv beizuwohnen. Es wird auch ohne Anleitung nur wenigen gelingen, den Inhalt der Rituale für sich ganz auszuschöpfen. Wir müssten also Instruktionen entwickeln, Anleitungen zur persönlichen Arbeit auf der Basis der Rituale und müssten diese Anleitungen zum Beispiel in Wochenendseminaren an unsere Brüder weitergeben.

3. Wir müssen eine Elite werden

Zu unseren Idealen gehört die Gleichheit. Daraus leiten wir gern die Vorstellung ab, dass die Loge in ihrer Mitgliederstruktur ein getreues Abbild der Gesellschaft sein müsse, und dass sie sich absolut nicht als eine Auslese (Elite) aus der Gesellschaft verstehen dürfe. Nichts ist für uns destruktiver als dieses Missverständnis. Das aufklärerische Postulat der Gleichheit bezieht sich auf die Gleichheit aller im Anspruch auf die Freiheit, auf die Gleichheit im Hinblick auf die Lebenschancen und die Gleichheit vor dem Gesetz. Die Aufklärung hat die Eliten nicht beseitigt, sie hat nur die Zugangskriterien verändert: an die Stelle ererbter Vorrechte ist die Auslese aufgrund persönlicher Leistung und Fähigkeit getreten. Wir müssen in diesem Sinne entschlossen darangehen, uns zur Elite zu entwickeln.
Unsere Logen sollen durchaus Mitglieder aus allen gesellschaftlichen Gruppen und Schichten als Mitglieder werben. Aber wir müssen uns jeweils um die führenden Köpfe bemühen. Und dieses Werben geht wohl nur von Person zu Person, nicht durch läppische „Öffentlichkeitsarbeit“. Interessante Männer werden durch interessante Männer angezogen – wo Tauben sind, da fliegen Tauben hin. Weshalb ist es so interessant, Rotarier zu werden? Weil man im Rotaryclub interessante Männer findet, und weil man aus der Einladung zur Mitgliedschaft erkennt, dass diese Männer einen selbst ebenfalls für interessant halten. Also lasst uns darangehen, uns wieder als Elite zu verstehen und daran zu arbeiten, dass wir es auch werden. Wenn das kein Thema für die Großlogen ist, dann sollten wenigstens einzelne Logen den Mut haben, sich zu Elitelogen zu entwickeln. Wenn sie erfolgreich sind, werden sie Nachahmer finden.

4. Wir müssen unsere Mitglieder beruflich fördern

Während der Aufnahme, bereits nach den drei Reisen, wenn fast alles schon gelaufen ist, bekommt der Neophyt eine allerletzte Gelegenheit, sich die Sache doch noch einmal zu überlegen, mit der offenbar alles entscheidenden Mitteilung: „Wir warnen Sie ehrlich und freundschaftlich, sich einer Gemeinschaft anzuschließen, die Ihnen keinerlei materielle Vorteile verheißen kann“. Wenn wir das sagen, fühlen wir uns wohl als moralisch besonders hoch über den Niederungen der profanen Welt Stehende. Mich erinnert das eher an die Geschichte vom Fuchs und den sauren Trauben: wir machen da aus unserem offenbaren Unvermögen eine Tugend. Was braucht denn ein junger Mensch dringender als eine Gruppe oder ein Netzwerk von Älteren, Erfahrenen, Einflussreichen, die ihm auch im materiellen Leben den Rücken stärken und den Weg zeigen können? Und war denn die mittelalterliche Bruderschaft der Steinmetze und Baumeister etwas anderes, als eine Organisation zur beruflichen Förderung und materiellen Sicherung ihrer Mitglieder?
Vor kurzem hat mir ein Bruder erzählt, dass es ihm nicht gelungen sei, bei seinen beiden Söhnen für die Freimaurerei mehr als ein müdes Lächeln zu wecken. Wohl aber sei einer der hoffnungsvollen Sprösslinge mit Begeisterung in eine schlagende Verbindung eingetreten. Auf die Frage, was ihn denn dort so anziehe, sei der Hinweis auf die Alten Herren gefolgt, die genau dort in einflussreichen Positionen säßen, wo der Junior sich seine berufliche Zukunft vorstellte. Eben. Im Übrigen: Neben einer gewissen beruflichen Förderung bemühen sich die Studentenverbindungen durchaus, ihren Mitgliedern auch positive immaterielle Werte sowie Umgangsformen zu vermitteln – wie die Logen ja auch. Weshalb tun wir es ihnen nicht auch auf der beruflichen Ebene gleich? Wir möchten in der Welt doch etwas bewegen. Weshalb sorgen wir dann nicht dafür, dass unsere Mitglieder auch an solche berufliche Positionen gelangen, wo sie etwas bewegen können? Wenn wir für tüchtige junge Leute attraktiv werden wollen, dann müssen wir die berufliche Qualifizierung und Positionierung unserer Mitglieder zu einem zentralen Teil unserer Arbeit am rauen Stein machen. Nicht nur die einfache Stellenvermittlung, sondern auch die Qualifizierung vorher. Etwa so, wie es die französischen Compagnons mit Erfolg tun, nur in anderen Berufsfeldern.

5. Wir müssen unser Verhältnis zu den Frauen ändern

Die Aufklärung – und damit die Freimaurer – wollten und wollen noch immer den Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Der „Mensch“, das war natürlich in aller Unschuld nur der Mann. Auch bei uns: „Männer, die Maurer geworden sind, müssen frei geboren sein, von gereiftem Alter und gutem Ruf, körperlich und geistig gesund, ohne Gebrechen oder Verstümmelung zur Zeit ihrer Aufnahme, weder Weib noch Eunuch“. So steht’s beim alten Anderson und sein Wort ist uns heilig. Und wir haben uns dran gehalten: Zur Emanzipation der weiblichen Hälfte der Menschheit haben wir nicht das Geringste beigetragen. Es ist erst hundert Jahre her, dass unsere Wissenschaft aufgehört hat, vom „physiologischen Schwachsinn des Weibes“ zu faseln und dass Frauen z. B. zum Medizinstudium zugelassen wurden.

Für uns gilt dieser Schwachsinn immer noch und so kann man heute noch von Brüdern die Meinung hören, unsere Rituale seien „männlich“ und daher für Frauen nicht geeignet, oder sogar, Frauen seien nicht in unserem Sinne initiationsfähig. Es mag ja so sein, aber sollten wir das Urteil darüber nicht den Frauen selbst überlassen? Die Frauen haben sich ja inzwischen auch in dieser Hinsicht ihrer männlichen Vormünder entledigt und ihre Emanzipation selbst in die Hand genommen. Dabei haben sie auch die Freimaurerei für sich entdeckt und praktizieren sie mit großem Ernst und respektablem Erfolg.
Aber wir pflegen unsere Berührungsängste. Wie oft habe ich schon die Befürchtung gehört, da könnte sich ja – Gott-sei-bei-uns – etwas Erotik in den Tempel schleichen. Vor kurzem ist mir in der internen Freimaurer-Liste im Internet etwas in diesem Zusammenhang Charakteristisches begegnet.

Die Zulassung zu dieser Liste erfolgt in einem automatisierten Verfahren. Zunächst erscheint jede Anmeldung in der Liste und jeder Teilnehmer kann sie lesen, dann erst entscheidet der listmaster über die Zulassung, die in diesem Fall nur erfolgt, wenn man einer „regulären“ Loge angehört. Es erschien also die Anmeldung des Stuhlmeisters einer gemischten Loge. Sofort, noch ehe der listmaster überhaupt reagieren konnte, schrieb ein Bruder, dass er mit sofortiger Wirkung seine Mitgliedschaft in der Liste kündige. Er habe bei seiner Aufnahmegeschworen, nie maurerischen Verkehr mit Frauen zu haben, und diesen Schwur gedenke er zu halten.

In welch eine Haltung gegenüber Frauen lassen wir uns da treiben? Welche Ängste verbergen sich eigentlich hinter unserer strikten Distanzierung von der femininen Maurerei, selbst im Cyberspace? Gibt es da vielleicht eine archaische Angst vor der starken Frau, gekoppelt mit der Vorstellung von ihrer kultischen Unreinheit, durch die der Mann beschmutzt wird, worauf dann sein steinzeitlicher Jagdzauber nicht mehr funktioniert? Mir scheint, da haben wir Männer noch ein gutes Stück Aufklärung nötig. Es geht nicht darum, nun in die Männerlogen partout Frauen aufzunehmen, aber die freimaurerisch arbeitenden Frauen haben es verdient, endlich als unsere Schwestern und gleichwertigen Gefährtinnen auf dem maurerischen initiatischen Weg anerkannt zu werden.

Conclusio

In der schon genannten Nr. 2 der „Humanität“ vom März/April 2001 findet man auch einen Artikel von Br. Joachim W. über „Die Mitgliederentwicklung in den Freimauerlogen“. In geradezu umwerfender Klarheit ist dort tabellarisch festgehalten, dass sich der Mitgliederbestand der Freimaurerlogen in der gesamten englisch sprechenden Welt von 5,028 Millionen im Jahr 1970 auf 2,502 Millionen im Jahr 2000 verringert hat, also auf weniger als die Hälfte. Der Verlust ist in den betrachteten Ländern in Australien mit -72 % am höchsten und in England mit -45% am geringsten. Ein so ausgeprägter Prozess ist wohl nicht mehr umkehrbar, er ist die Krankheit zum Tode. Er signalisiert unzweideutig: Die klassische Dampfmaschinen-Maurerei ist ein Auslaufmodell.

Man kann aber auch ganz entgegengesetzte Vorgänge beobachten, vor allem bei den „irregulären“ und „nicht anerkannten“ Logen. Unsere deutsche Frauen-Großloge „Zur Humanität“ etwa wächst langsam und stetig. Sie hat in der jüngeren Vergangenheit jährlich eine neue Loge installiert. Oder blicken wir nach Frankreich: dort verzeichnen alle Obödienzen, zuletzt auch die reguläre GLNF, seit Jahren steigende Zuwächse. Aus Österreich hört man weit weniger Klagen über den Zustand der Maurerei als aus Deutschland. Woran könnte das liegen? Nun, ich denke es liegt daran, dass in diesen Logen einige der von mir als „Thesen“ bezeichneten Äcker wesentlich besser bestellt sind. Was würde daraus für uns folgen? Ein radikales Umdenken, ein entschlossener Neuanfang und ein Bruch mit allerlei lieb und heilig gewordenen Traditionen und Gepflogenheiten, Mut zum Aufbruch in eine ungewisse Zukunft. Werden wir dazu im Stande sein? Wenn ich mich so im Kreise unserer deutschen Freimaurerei umsehe: nein. Bleibt nur die Konsequenz: Die Freimaurerei muss nicht untergehen – aber wir werden nicht zu den Überlebenden gehören.

Diesen Thesen sowie der Schlussfolgerung möchte ich nichts hinzufügen!