Wertedämmerung

In einem Interview mit Caroline Jebens im April 2014 für den „The European“ konstatierte der Medienwissenschaftler Norbert Bolz (Norbert W. Bolz ;* 17.04.1953 in Ludwigshafen, lehrt als Professor für Medienwissenschaften an der TU Berlin): „Unsere westliche Kultur hat im Wesentlichen zwei Quellen: die Antike und das Christentum. Die daraus resultierenden Werte sind aber anders als noch in den 70er Jahren, in denen Werte vorrangig in Familie und Schule vermittelt wurden, in denen moralische Instanzen mit Vorbildfunktion diese Werte lebten, heute zu Beginn des 3. Jahrtausends weitgehend von den Medien geprägt.“

Diese Medien geben einen Rahmen vor, in dem überhaupt diskutiert werden darf und ein entsprechendes Werte-Vokabular vorgeschrieben ist, das dem Medienkonsumenten gebetsmühlenartig eingebläut wird. Gemäß diesem, sich dem Mainstream anschließend, eifert der Mensch begeistert nach, was ihm vorgeredet oder vorgeschrieben wird, wie eigentlich auch in früheren Zeiten. Nur heute beschränkt sich der moderne Mensch meist auf mehr oder weniger heftige Artikulationen und weniger auf Taten, eingefangen von massenpsychologischen Zwängen.

Ideelle Werte scheinen sich heutzutage auf die Bereiche Toleranz, Klimaschutz, Vegetarismus und Tierschutz zu reduzieren, wobei diese Werte, es sind unbestritten Werte, ganz und gar nicht tolerant vertreten werden, eher militant und dogmatisch. Steckt doch in ihnen eine gehörige Portion an Egoismus und Frustration, teils auch an Enttäuschung über die Menschheit und ihren einzelnen Vertretern.

„Werte sind nur in den allerseltensten Fällen mehr als Rhetorik“, so Bolz. Diese kennzeichnet sich oft durch scharfe und respektlose Akzentuierung, duldet keine andere Meinung und erst recht keinen Kompromiss und erweist sich daher eher als kontraproduktiv. Der so von den Medien konditionierte Mensch sucht weniger Alternativmöglichkeiten, erweist sich leider oft als oberflächlich informiert (Bildungsverlust) und verrennt sich im Nihilismus, der automatisch Konflikte heraufbeschwört und harte Gegenwehr hervorruft.

Norbert Bolz erklärt dazu sinngemäß: „Während sich früher der Einzelne in seinem Verhältnis zur gesellschaftlichen Allgemeinheit irgendwie definieren musste, sei es als Vorbild oder Repräsentant, als ‚individuelles Allgemeines‘, wie Friedrich Schleiermacher es genannt hatte, pocht das Individuum heute auf ‚Eigenwertigkeit‘. Das Individuum akzeptiert außerhalb seiner selbst keinen Maßstab, es wird selbst zum Maß aller Dinge und kann beliebig Werte herbeizitieren, mit denen es sich dann identifiziert.“
Der Glauben an die Einzigartigkeit des Individuums, das mit unveräußerlichen Rechten geboren wird, scheint hier doch sehr eng und egoistisch ausgelegt zu sein.

Es scheint, als begebe man sich als Nichtschwimmer in trübe abgründige Gewässer, ganz ohne Schwimmhilfen, ohne moralische Instanzen. Schnell droht ein Versinken ohne Vorbilder, ohne Respektspersonen, deren charismatische Persönlichkeiten zur Nachahmung anregen. Wir leben in einer Zeit ohne Vorbilder. Idole reduzieren sich auf TV-Stars, die nur zu einem dienen, als Ausweg aus der Langweile.

Früher gab es diese Vorbilder noch, Menschen, die faszinierten, die einen mitrissen, zu Taten animierten, integer und gerecht. Und heute, wer könnte diesem hohen Anspruch gerecht werden? Heute müssen Werte dem Zeitgeist entsprechen. Zu modernen Werten des frühen 21. Jahrhunderts gehören vor allem Statussymbole, ein ästhetischer Körperkult, der ins Unerträgliche ausufert, Party, Spaß und andere Freizeitvergnügen, alles nur um einer beklemmenden Langeweile zu entrinnen, immer in der Hoffnung auf den ultimativen Kick. Viele sind des einfachen Lebens einfach überdrüssig, sie langweilen sich. Das erkannte bereits John Maynard Keynes (John Maynard Keynes, Baron Keynes (*05.06.1883 in Cambridge;† 21.04.1946 in Tilton, East Sussex)

„Es geht uns allen zu gut“, behauptet Norbert Bolz, „so gut, dass wir uns alle auf die Suche nach der Unzufriedenheit machen. Dies sei wörtlich die Formel des Psychoanalytikers Jacques Lacan. Und der Ökonom Tibor Scitovsky brachte es auf den Nenner: Wir haben aus Langeweile Lust, uns Gefahren auszusetzen – selbst wenn es nur „safe dangers“ sind wie das Bungee-Springen: Ich begebe mich in Gefahr, weil ich weiß, dass eigentlich nichts passieren kann.
Aber auch das reicht vielen nicht aus, sie suchen ihren persönlichen Nervenkitzel an den Grenzen zwischen Leben und Tod, dort wo es keine Garantien auf Sicherheit mehr gibt.
Alles scheint legitim was mehr Lebensgefühl verspricht, wozu letztendlich auch Exzesse mit Rauschgift, Ecstasy, Alkohol und Sex zählen, nicht zu vergessen ein abnormales Konsumverhalten und ein überzogenes Geltungsbedürfnis – die Werte einer übersättigten und gelangweilten Moderne.
Die Wertigkeit verkehrt sich demnach, wie oben bereits gesagt, in eine Eigenwertigkeit, in eine destruktive und gefährliche Individualisierung, weg vom WIR, hin zum ICH, unter Verlust der eigenen Mündigkeit und der Fähigkeit zur Selbstreflexion. Denn das EGO ist trügerisch und subjektiv, lässt es doch keine Kritik zu, weder als Selbstkritik noch als Kritik von anderen. Die eigene Entscheidung, der eigene Wille ist unfehlbar, unantastbar.

„Die Werte, die uns als Gemeinschaft noch verbinden, sind nur noch die negativen“, meint Bolz, „definiert nach dem, was wir nicht wollen, lanciert durch die Medien“.
Und alle sind sich einig: „Je suis Charly“. Es lebe die Oberflächlichkeit! Der gelangweilte, sensationssüchtige Wohlstandsmensch ist ein perfekter Empfänger, ein ideales Opfer für Manipulationen und er folgt blind der neuen Werteskala. Wie eine Marionette hängt er am Gängelband der Mächtigen und gibt sich immer noch dem Trugschluss hin, er sei frei. Doch das ist er schon lange nicht mehr und wird es zukünftig noch weniger sein. Ob durch Gehirnwäsche, wofür das ständige Einpauken der Medien sorgt oder durch Erlasse, der einst so gerühmte Wert der Freiheit muss neu definiert werden.

Wie weit die Einschränkung unserer Freiheit, hier bezogen auf die Meinungsfreiheit, führen kann, zeigt ein Entwurf des European Council on Telerance and Reconciliation (ECTR) mit dem Titel: 
 „A EUROPEAN FRAMEWORK NATIONAL STATUTE FOR THE PROMOTION OF TOLERANCE“.
 Der ECTR bereitet praktische Empfehlungen für Regierungen und internationale Organisationen vor, um die interreligiösen und interethnischen Beziehungen in Europa zu verbessern.
Der genannte Entwurf sieht in Sektion 2e vor, dass die EU „konkrete Maßnahmen“ ergreift, um Rassismus, Vorurteile nach Hautfarbe, ethnische Diskriminierung, religiöse Intoleranz, totalitäre Ideologien, Xenophobie, Antisemitismus, Homophobie und „Anti-Feminismus“ zu ‚eliminieren‘. Sektion 6c verlangt, dass neue Behörden eingerichtet werden, die dies überwachen.
Sektion 7 fordert, dass Verstöße nicht als einfache, sondern – strafverschärfend – als ‚qualifizierte‘ Straftaten gelten sollen (Raub mit Körperverletzung o.ä.).
Jugendlichen Täter sollen in speziellen Programmen zu einer „Kultur der Toleranz“ umerzogen werden. Dazu regelt Sektion 8, dass die Vorgaben bereits in den Grundschulen Teil des Unterrichts werden und Sektion 9 schreibt den Radio- und Fernsehsendern Mindestprogrammanteile vor, in denen sie das „Klima der Toleranz“ verbreiten sollen.

Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG), das sogenannte Hassreden untersagt, ist der erste Schritt und der zweite folgt sogleich in Form des Gesetzentwurfs zur effektiven und praxistauglichen Ausgestaltung des Strafverfahrens, kurz zur Genehmigung von Staatstrojanern. Man kann mit Fug und Recht von einem Verlust der Meinungsfreiheit reden und nicht von einem Wandel, zumal das Vorhaben der ECTR einen eklatanten Widerspruch zu der Oxford Deklaration zur Gedanken- und Meinungsfreiheit vom 10. August 2014 darstellt.

Und zieht man islamische Länder oder China heran, sieht man deutlich, wie dort westliche Werte verhasst sind. So verbannt die chinesische Staatsführung westliches Gedankengut aus Schulen und Universitäten. Statt dessen sollen dort die Werte von Staatspräsident Xi Jingping vermittelt werden, was auch immer das für Werte sind.
Humanismus ist in totalitären Ländern ein Unwort und bei uns scheint er abwertend als Kennzeichen eines mangelnden Durchsetzungsvermögens von Weicheiern zu gelten. In einer Welt, in der der Individualismus mehr zählt als die Gemeinschaft, sind wir nicht mehr sehr weit entfernt von einer islamischen Männerwelt, in der sich alles nach dem Willen der Gattung Mann dreht, in unserem Fall, nach dem Willen von Lobbyisten.

Diese Abkehr von westlichen Werten, wobei westliche Werte und USA meist gleichgesetzt werden, geistert bereits seit Mitte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts durch Gemüter, Hörsäle und Klassenzimmer, meist sehr dogmatisch und intolerant.
In einem Rundumschlag wurden alle ‚alten‘ Werte als antiquiert und überholt diffamiert, einschließlich der Stellung der Familie, die seit Jahrtausenden eine schützende Funktion übernahm. Der gleichen Systemwäsche fiel eine gute Allgemeinbildung und Fachkenntnisse einem allseits um sich greifenden Mittelmaß zum Opfer, genauso wie aufrichtige Freundschaft. Wir sind alle nur noch ‚friends‘ in diversen Internet Communities. Das, was man als gesellschaftliches Miteinander bezeichnet (common sense), läuft auf einen gemeinsamen Spaßfaktor hinaus oder fußt auf gegenseitigem materiellen Nutzen, während Eigen- und Mitverantwortung, Mut, Achtsamkeit, Toleranz, Treue, Güte, Zuverlässigkeit, Dialogbereitschaft, Mäßigung, Geborgenheit, Vertrauen und Liebe nur noch marginal Beachtung finden, kaum noch gelebt werden und eher als Ausdruck von Schwäche gelten. Aus diesem Defizit heraus bröckelt der Zusammenhalt, in der Familie, in der Gruppe, vor allem zwischen Jung und Alt. Wir stecken mitten in der Kulturkrise.

Fakt ist, dass sich seitdem die westliche Welt immer mehr in gegensätzliche Lager mit verhärteten Fronten spaltet, die sich durch ihre Kompromisslosigkeit auszeichnen und damit die Situation verschlimmern, anstatt sie zu verbessern. Der Politikwissenschaftler Richard Löwenthal (15.04.1908-09.08.1991) schrieb bereits 1979, dass eine Abkehr von den westlichen Werten, wie sie vielerorts propagiert wird, die Krise, damit ist die Kulturkrise gemeint, in Europa nicht mindern, sondern verschlimmern würde.
Eine derart dynamische Zivilisation, die ihre eigenen Existenzbedingungen immer neuen Trends unterwirft, schafft damit für sich selbst immer neue kulturelle, moralische und institutionelle Aufgaben.

„Die von den herrschenden Werten abgeleiteten Verhaltensnormen und Institutionen müssen den neuen Existenzbedingungen angepasst werden. Und um das zu ermöglichen, müssen die Werte selbst immer neu interpretiert werden, wenn sie nicht ihre Glaubwürdigkeit und bindende Kraft verlieren sollen. Wenn aber die Anpassung längere Zeit misslingt, werden die Normen unanwendbar, die Institutionen verlieren ihre Autorität, und die Werte selbst erscheinen schließlich als bloße Heuchelei“, so Löwenthal.

Und genau mit dieser Situation sehen wir uns heute konfrontiert. Wir heucheln Menschenliebe und Empathie, bedienen uns inhaltloser Worthülsen und lügen, kneifen, wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen. Kompromisse schließen wir schon lange keine mehr, wenn, dann nur unter Zwang oder dort, wo es nicht weh tut. Als Individualist und Egoist erkennt man nur die eigenen Begehrlichkeiten an und strotzt nur so vor Unnachgiebigkeit, wenn es darum geht, diese zu vertreten und von einer einmal gefassten Meinung rückt der verbohrte ICH-Mensch kein Jota ab. Alt bewährte Tugenden rutschen in der Wertskala auf untere Ränge oder verschwinden gänzlich. Andere, wie Toleranz, Vegetarismus, Umwelt-und Tierschutz werden neu definiert und arg überspannt. Entscheidend dabei ist, dass viele Leitwerte in der heutigen Welt dafür herhalten müssen, die Handlungen derer, die sie aus Eigennutz verändert haben, zu rechtfertigen und nicht umgekehrt, wo ethisch-moralische Werte die Handlungen bestimmen. Die Unmoral als moderner Sittentrend schafft sich ihre eigenen Gesetze, ihre eigenen Leitlinien.