Rittertugenden und Manieren als Grundlage gegenseitigen Respekts

Wenn ich um mich schaue und mich frage, wie es um Manieren und Tugendliebe in Deutschland, in Europa und der Welt steht, so muss ich bitter erkennen, dass gute Manieren in unserer schnelllebigen Zeit, in einer Zeit des Materialismus, die nach dem Motto „Schaffen und Raffen“ lebt, arg zu wünschen übrig lassen. 

Eine ausgeprägte Abzockermentalität hat virusartig alle Gesellschaftsschichten befallen: Korruption, Verrat, üble Nachrede, Mobbing, Materialismus, Angeberei, Geldgier sowie Missachtung altbewährter moralisch-ethischer Werte skizzieren unseren Alltag mehr denn je. 

So viel zur Redlichkeit in unserer Gesellschaft!

Charaktereigenschaften wie Respekt, Ehrgefühl, Verantwortungsbewusstsein, Toleranz, Vernunft und Nächstenliebe weichen einem ständig wachsenden Egoismus, gepaart mit Zerstörungswut und Gleichgültigkeit, wobei der Ton untereinander schärfer und unversöhnlicher wird.

Die Superreichen, die nicht wissen wohin mit dem Geld, das sie ähnlich den Raubrittern der einfachen Bevölkerung abgedungen haben, baden großkotzig in unsinnigen Anschaffungen und entsorgen ihre Bedürfnisse in goldenen Kloschüsseln. Öl-Magnate, Oligarchen, Warlords, Polit-Emporkömmlinge, Börsengurus und Medienmogule lassen keinen Zweifel an der Existenz des Gottes Mammon.

Es zeigt, wie weit manche Gesellschaftsschichten degeneriert sind und damit den kulturellen Niedergang eines Volkes vorbereiten – Dekadenz pur.

Es zählt nur noch das, was teuer ist. Firmenembleme auf Kleidungsstücken, 

protzige Armbanduhren, sündhaft teure Plastiktaschen, verziert mit dem Firmenlogo, sollen zeigen, was Mann und Frau sich leisten können. 

Ein vulgäres Angebertum lechzt nach Statussymbolen und infiltriert alle Bereiche des Privat- und Berufslebens geschwürartig. Jeder eifert den Prahlern nach und glaubt darin die Erfüllung jeglichen menschlichen Seins und die erhoffte gesellschaftliche Anerkennung zu finden. 

Eben mehr Schein als Sein. Gediegener Stil ist diesen Menschen fremd. 

Dies zur Bescheidenheit in unserer Gesellschaft!

 

Dabei wird verkannt, dass ein Erlangen von Prestigeobjekten den Geblendeten noch lange nicht in einen gehobenen Status bleibender Anerkennung erhebt. Denn sind die Attribute des Reichtums verflossen, verliert der Scheinträchtige sogleich den Status seiner Anerkennung. 

Würde hängt nicht von materiellen Gütern ab, sondern von dem ethisch-moralischen Ausdruck des eigenen Erscheinungsbildes und der eigenen Handlungen, also von der jeweiligen Autorität. 

Gute Manieren und gelebte Tugenden sind besonders dann gefragt, wenn sich die allgemeinen Moralvorstellungen in einer Talfahrt befinden. Sie sollen als Rettungsanker dienen, damit die Welt nicht im Chaos versinkt, wie einst das sündige Rom. 

Denn wo Intoleranz, Wollust, Geltungssucht, Egoismus, Betrug und Machtgier  Oberhand gewinnen, ist das Ende einer Zivilisation nicht mehr weit – wenn auch nicht das Ende der Menschheit, aber sehr wohl das Ende einer zivilisierten Gesellschaft. 

Machiavelli bemerkt berechtigt: Wo die guten Sitten aufhören, müssen die Gesetze anfangen. 

Greifen wir dies als Stichwort auf: Müssen nicht ständig neue Gesetze verabschiedet werden, weil wir verlernt haben unseren Mitmenschen Achtsamkeit und Respekt entgegen zu bringen?

Wenn sogar Universitätsprofessoren juristischer Fakultäten vor Studenten 

behaupten, Recht und Gerechtigkeit seien zwei verschiedene Dinge, man könne zwar Recht aber keine Gerechtigkeit erwarten, zumal es sich bei 30 Prozent aller Urteile um Fehlurteile handle. So bleibt dem Gerichteten nur 

die Hoffnung auf eine obere Gerechtigkeit – der Ma’at, auf die bereits die alten Ägypter hofften. 

Was zur Gerechtigkeit zu sagen wäre!

 

Mit der Wahrheitsliebe scheint es nicht anders zu sein. Was uns in den obersten Polit- und Führungsetagen blendend vorgelebt wird, färbt sich zwangsläufig auf den einzelnen Bürger ab. Wo es keine political correctness gibt, ist vom Bürger weder Ehrlichkeit noch Zivilcourage zu erwarten. Denn wo der Egoismus die Marschrichtung angibt, bleiben nur Ellebogenmentalität, Verrat und Betrug. 

Ein Beispiel aus jüngster Zeit waren sicherlich die teils sehr unfairen verbalen Entgleisungen zwischen Obama und Hillary Clinton, die mittlerweile wieder traute Gemeinsamkeit vorgaukeln. Auch bei den Republikanern gehören nach sinkenden Umfrageprognosen beleidigende Anschuldigungen zur Tagesordnung. Aber wir brauchen gar nicht so weit zu gehen, ich vergesse nie das Gesicht und die hasserfüllten Reden eines Herrn Schäuble vor der Bundestagswahl 1998. – Nur ein Beispiel von vielen!

Man vergisst das leider alles so schnell. Man ärgert sich, nimmt es hin und schon ist man eine Straße weiter. Dies ist ein grundlegendes Übel, denn durch die ständig wechselnden Schauplätze der Ignoranz und Unverschämtheiten, findet man zu wenig Zeit, die vorherigen aufzuarbeiten.

Dringen dann Verfehlungen zufällig ans Tageslicht, verliert der Angeschuldigte einfach seine Erinnerung und beruft sich auf seine Immunität als Bundestagsabgeordneter.

Mit der Tugend ‚Wahrheit‘ nimmt man es also auch nicht so genau!

 

Und mal ehrlich, beginnt das nicht bereits in der Familie. In Anbetracht der Tatsache, dass jede 2. Ehe geschieden wird, frage ich mich, ob das nicht als Indiz für mangelnde Beständigkeit, Treue und Kompromissbereitschaft spricht? 

Moral hin oder her, Hauptsache man setzt sein Ego durch. 

Herr Asfa-Wossen Asserate definiert folgerichtig: „Manieren sind der ästhetische Ausdruck der Moral“.

Daraus lässt sich ableiten, dass es um unsere Moral nicht gut bestellt ist, denn die Manieren lassen unbestritten sehr zu wünschen übrig. 

Dabei scheinen gute Manieren in einzelnen Kreisen geradezu verpönt zu sein. Sie gelten als lästiges Überbleibsel einer hierarchisch strukturierten Zwei-Klassen-Gesellschaft und eines verstaubten Feudalismus. Dabei haben deren Anhänger den wahren Sinn von Manieren und der zugrunde liegenden Gesinnung nicht begriffen.

Gerade diese Gesinnung eines Menschen, die auf die Verwirklichung moralischer Werte ausgerichtet ist, wird laut Sokrates als Tugend bezeichnet.

Für Platon existieren vier Haupttugenden: Weisheit, Stärke, Mäßigung und Gerechtigkeit. Sie heißen daher auch die ‚Quadratur der Tugenden’. 

Während bei Platon lediglich diese vier Kardinaltugenden galten, wurde die Liste tugendhafter Eigenschaften im Mittelalter auf 12 und mehr erweitert.

Mit dem Hintergrund einer düsteren Epoche unserer Geschichte, dem Mittelalter, die geprägt war von Dogmatismus, Intoleranz, Habgier, Neid und Hass, gab es als Gegenstück bei den Rittern einen Ehrencodex, der sich in gegenseitiger Achtung äußerte. 

Wer aber spielt heute den Gegenpart?

Als literarisches Vorbild für diesen Ehrencodex galt und gilt die Tafelrunde am Hofe König Artus, ca. 500 n. Chr., an der es keine Rangunterschiede gab. Daher sollte Artus auch einen runden Tisch gewählt haben. 

Die Idee einer Tafelrunde (round table) wurde erstmals von dem anglonormannischen Dichter Wace (um 1150) in die Geschichte von König Artus eingebettet.

Wie dem auch sei, die Tafelrunde ist Sinnbild für den ewigen Mythos vom Kampf gegen das Böse, gegen das der edle Ritter zu streiten hat. 

Die Tafelrunde ist Symbol vom Traum an eine heile Welt mit humanitären Grundsätzen. Ein Traum, den schon die alten Ägypter hegten, ein Traum der so alt ist wie die Menschheit selbst. Er wird genährt von der Sehnsucht nach Frieden, nach Harmonie, nach Brüderlichkeit.

Greifen wir den Begriff der ‚Brüderlichkeit’ auf, so verstand man früher darunter eine selbstlose Bruderliebe, bei der keine Gegengabe erwartet wurde. 

Heute dagegen versteht man darunter oft nur ein „manus manum lavat“ oder ein „do ut des“, bei dem es einzig und allein darum geht, für jedes Entgegenkommen eine Gegenleistung zu erwarten. Man gibt also mit dem Vorsatz, etwas zu bekommen. 

Beispiel: Im Ägypten unserer Zeit werden Armentafeln ausgerichtet, aber nicht aus Mildtätigkeit, wie in Radio Bayern II ein Gefragter antwortete, sondern damit der Spender auf einen besseren Platz im Himmel hoffen kann.

Brüderlichkeit ist damit zu einer bloßen Erwartungshaltung degradiert worden!

Um noch mal auf König Artus zu sprechen zu kommen, so zählten John Dryden zufolge an der Tafel 12, nach Sir Walter Scott hingegen 16 Ritter, in anderer Literatur auch weit mehr.

Wie viele Ritter nun auch immer an der Tafel König Artus gesessen haben mögen, die Zahl ist stets symbolisch zu sehen und bezieht sich auf ethische Grundwerte, die hier die jeweiligen Ritter vollendet verkörpern. 

So ist jedem der zwölf Ritter, gemäß seines hervorstechenden Charakterzuges eine Tugend zugeordnet:

Ritter: Haupttugend (Mittelhochdeutsch)

Sir Galahad: Der Freundliche (güete)

Sir Tristam: Der Ehrenhafte (ere)

Sir Lamorak: Der Vornehme (zuht)

Sir Bors: Der Rechtschaffene (reht)

Sir Gawain: Der Demütige (diemüete)

Sir Gareth: Der Beständige (staete)

Sir Parcival: Der Mutige, der Beherzte (muot)

Sir Bedivere: Der Höfliche (höveschkeit)

Sir Lancelot: Der Tapfere (manheit)

Sir Kay: Der Bescheidene (maze)

Sir Gaheris: Der Treue (triuwe)

Sir Geraint: Der Mildtätige (milte)

Es galt allgemein das ritterliche Prinzip  „hôher mout“, das sich durch ein Bemühen um Vollkommenheit auszeichnete, im ständigen Kampf mit sich selbst.  Der Gegner war das eigene ICH.

Dieser Kampf zwischen personifizierten Tugenden und Lastern wurde literarisch erstmals vom christlichen Dichter Prudentius (*348:  ca. 405) in dem Lehrgedicht „Psychomachia“ allegorisch dargestellt, wobei allerdings literarische Vorbilder wie zu Vergils „Aeneis“ nicht zu verleugnen sind. 

Besonders interessant scheint mir der dort erwähnte Bau des Salomonischen Tempels, der als Sinnbild der Eintracht und Redlichkeit dient. Er wird von zwölf mit Edelstein besetzten Säulen getragen, die zwölf Tugenden versinnbildlichen. Im Inneren des Tempels befindet sich das Sanctum sanctorum, das auf sieben Kristallsäulen, den sieben Haupttugenden, ruht und auf dem Weisheit und Gerechtigkeit wohnen. 

Auf Grundlage dieser Dichtung entstanden im Frühmittelalter zahlreiche lateinische und auch althochdeutsche sowie altenglische Glossen zu dem Werk „Psychomachia“, deren Tugendlehre übernommen wurde und sich in über 300 erhaltenen Schriften widerspiegelt.

Das spätmittelalterliche Rittertum besann sich hingegen in seinen ethischen Ansprüchen nicht nur auf deren Werke, noch auf Platon oder Aristoteles (Nikomachische Ethik), sondern mehr auf das Jerusalem der Zeit Salomos, in der die Tugenden der alten Ägypter weiterlebten. Zu diesen Tugenden gehörten neben den bisher genannten Tugenden auch Zuhören, Herzensbildung und die Achtung der Frau. Eigenschaften, die im 21. Jahrhundert zu verkümmern scheinen.

Ihren eigenen Aussagen nach schätzten die Sumerer die gleichen Tugenden. Bei den Brahmanen im alten Hinduismus galten vier Haupttugenden: Sanftmut, Duldung, Selbstbeherrschung und Freigiebigkeit.

Gleiche Moralvorstellungen findet man im 

Ehrencodex der Samurai, 

in den Lehren des Konfuzius, 

den Lehren Buddhas, 

bei Benjamin Franklin, 

Friedrich dem Großen 

und in den Pfadfindergesetzen, 

kurz in allen humanitär und ethisch geprägten Ansichten und Strömungen einschließlich religiöser Urlehren. 

Selbst im Olympischen Eid von 1920 findet sich eine ritterliche Gesinnung wider: „Wir schwören, dass wir an den Olympischen Spielen als ehrenwerte Kämpfer teilnehmen, die Regeln der Spiele achten und uns bemühen werden, ritterliche Gesinnung zu zeigen, zur Ehre unseres Vaterlandes und zum Ruhme des Sports.“

Stellen wir uns dieser Herausforderung !

Manieren lassen sich von Tugend und menschlicher Gesinnung nicht trennen, sondern sind deren zwangsläufige Folgeerscheinungen. Die Tugenden stellen die moralischen Gesetze dar, Manieren deren Ausführung. 

Gute Manieren sind demnach gesellschaftliche Spielregeln und ein zwingendes Muss, um ein respektvolles Miteinander zu gewährleisten. 

Man könnte Tugenden und Manieren als eine Sprache bezeichnen, die man beherrschen sollte, eine Contenance, also eine innere Haltung, die man lebt.

Pragmatisch betrachtet, sind Ritterlichkeit und gute Manieren vor allem eine psychosoziale Notwendigkeit, denn sie helfen Konflikte zu verhindern. 

Würde jeder die Pflicht gegenseitiger Wertschätzung beherzigen, gäbe es weniger Leid und Ungerechtigkeit auf dieser Erde.

Die Frage ist nur, wenn diese Notwendigkeit bereits den Sumerern und Ägyptern bekannt war, warum leben wir denn nur bedingt danach? 

Kant hat dazu eine Antwort: Nach Kants Definition der Tugend erfordert die Befolgung unserer Pflichten uns selbst und unseren Mitmenschen gegenüber, moralische Stärke.  

Hier stoßen wir an den limitierenden Faktor: 

Die individuelle Unzulänglichkeit!

Arbeiten wir daran, dies zu ändern, denn jeder der sich ändert, ändert damit die Welt!

Doch dazu vermisse ich bei der heutigen Jugend eine humanistische Bildung, die ein Werkzeug böte, den Charakter gemäß moralisch-ethischer Werte zu formen. 

Eine Stunde Ethik-Unterricht pro Woche macht noch keine humanistische Bildung. Ganz zu schweigen wenn Lehrer und Hochschuldozenten selbst keine humanistische Bildung genossen haben. 

Denn „nemo plus iuris transferre potest quam ipse habet“

Im übertragenen Sinne: Niemand kann mehr geben, als er selbst hat.

Es fehlt  Kindern, Jugendlichen und Älteren an Vorbildern, die für eine moralisch ethische Welt, einen Weltethos und für eine humanitäre Welt eintreten. 

Meist sind die Idole der Jugend ballernde und mordende Pseudohelden, mit denen sie sich identifizieren, um ihre Aggressionen und ihren Frust abzubauen. 

Es müssen ja nicht gerade Goethe und Lessing sein, denn nicht jedes Kind versteht Goethes Faust, geschweige denn mag es sein freimaurerisches Meisterwerk. 

Es bietet sich genügend Literatur an, die bedächtig auf tugendhafte Werte hindeutet, und gleichzeitig noch Spannung bietet.

Bücher wie – bitte nicht falsch verstehen – wie Karl May, wo es im Endeffekt immer um Menschenliebe geht, um Würde und Güte, sind nicht mehr gefragt. Zu kitschig, zu schwülstig, eben ein Opfer des Zeitgeistes.

Karl May, der manche Bücher im Hexameter schrieb, wie mein alter Lateinlehrer behauptete, wird oft verkannt. Auch sein Lebenstraum, der Weltfrieden wird belächelt. Ich erinnere an sein Buch „Und Friede auf Erden“ und seine Rede 1912 in Wien mit dem Titel „über den Frieden“.

So ein Schmarrn!, wird so mancher moderne Mensch abwertend herausschreien und lieber Grass und Miller lesen, in deren Werke primitive Sexualität und psychische Störungen anstelle von tugendhaftem Handeln und Denken treten.

Glaubt  Ihr, eine selbstsüchtige ICH-Gesellschaft, die Leistungsdruck und Klassenunterschiede fördert und jeden zum Einzelkämpfer ausbildet anstatt zum Teamplayer, wäre einer Entwicklung unserer Gemeinschaft in gegenseitiger Achtung dienlich?

Es bedarf einer Rückbesinnung auf alte Rittertugenden, einer Renaissance des guten Umgangs miteinander.

Seien wir Vorbilder!