Orient und Okzident

Orient und Okzident, Kampf der Kulturen oder reger Austausch?

Ein Gastbeitrag von dem „Phönizier“, einem Syrer, der seit 30 Jahren in Deutschland lebt und sich bestens integriert hat.

Als 17 jähriger Schüler habe ich einen französischen Studenten kennenge- lernt, der an der syrischen Küste Urlaub machte. An einem Sommer-Spätnachmittag, habe ich ihm in einem Straßencafe zum wiederholten Male mit viel Begeisterung und Pathos erklärt, dass ohne die großartige orientalische (arabische) Kultur Europa noch heute im finsteren Mittelalter schlummern würde.

Der französische Student hörte meine maßlose Übertreibung ruhig an und als ein Bauer mit seinem Eselkarren an uns vorbeifuhr, zeigte er auf ihn und sagte: „Das ist euer Land“ und gleich danach auf eine Limousine zeigend: „Und das ist unser Land“ Es erübrigt sich zu erwähnen, dass ich zu Tode beleidigt war. Ich stand auf und ging, ohne mich von ihm zu verabschieden.

1992 nach 17 Jahren in Deutschland saß ich im Flugzeug auf dem Weg nach Damaskus, um in Syrien meinen Sommerurlaub zu verbringen. Mein Sitznachbar, ein ca. 50 jähriger Lehrer aus München wollte ebenfalls nach Syrien, um seinen Urlaub, wie er sagte, in diesem „ historisch großartigen Land“ zu verbringen. Der Mann fuhr mit seinen Lobpreisungen fort: Die orientalische Hochkultur habe Europa Mathematik, Astronomie und Medizin bei- gebracht, und ohne sie hätte Europa nie eine Hochkultur entwickeln können. Irgendwann ist es mir zu viel geworden. Ich habe den Mann unterbrochen und gesagt: „Mein Herr, ich weiß, dass Sie mir mit Ihren Ausführungen Komplimente machen wollen. Aber als Orientale, der weiß, wie seine Vorfahren vor Tausenden von Jahren eine derartige Hochkultur geschaffen haben, fühle ich nur Scham und Niedergeschlagenheit über den erbärmlichen Zustand des heutigen Orients“.

Der Mann war irritiert.

Heute nach 15 Jahren fühle ich weder Stolz, wenn ich an die orientalische Hochkultur denke, noch Scham über die trostlose Gegenwart des Orients. Denn mir ist klar geworden, dass eine Hochkultur nur dann entstehen kann, wenn die vielen Voraussetzungen und Bedingungen, die auf eine komplizierte Art und Weise miteinander vernetzt sind zusammen kommen.

Eine Hochkultur entsteht in einer Gesellschaft, die sich mit einer anderen Hochkultur mental auseinandersetzt, deren Errungenschaften verarbeitet und weiterentwickelt zu einer neuen Hochkultur, die die Herausforderungen ihres Zeitalters besser meistert.

So haben die Araber im Mittelalter die griechische Philosophie und die Naturwissenschaften studiert und beim Auf- bau ihrer Kultur davon profitiert.

Die Quellen der arabisch-islamischen Kultur sind genau die Quellen der modernen westlichen Kultur. Auch der Islam, der oft als Gegner des Christentums betrachtet wird, hat seine Wurzeln in der jüdisch- christlichen Tradition.

Liest man den Koran so findet man viele Geschichten über alttestamentarische Propheten. Auch die Geschichte von der Geburt Jesu ist im Koran zu finden. Es ist bekannt, dass die Propheten des Alten Testaments und auch Jesus Christus von den Muslimen verehrt werden. Der junge Muhammad war Waise und lebte bei seinem Onkel Abdalmttalb der Handelskarawanen zwischen Mekka und Damaskus hin und her führte. Schon ab seinem neunten Lebensjahr begleitete Muhammad diese Karawanen. Er lernte dabei den christlichen Glauben kennen, denn Syrien

war ein christliches Land und hier ist auch die erste christliche Kirche, nämlich in Antyochien, gegründet worden.

Mit zwölf hat Muhammad auf einer dieser Reisen, in der südsyrischen Stadt Bus- rah, den Mönch Bahira kennengelernt. Er prophezeite ihm, dass er der kommende Prophet wäre.

Es blieb nicht bei dem einen Treffen. Der Mönch Bahira hat dem Analphabeten Muhammad wohl viel über Theologie und Religion beigebracht.

Die ins Arabische übersetzten griechischen Werke der Philosophie, Mathematik, Medizin und Astronomie wurden von arabischen Wissenschaftlern studiert und weiterentwickelt. Davon hat auch Europa profitiert. Schon im 10. Jahrhundert übersetzten die Mönche des katalanischen Klosters Santa Maria de Ripoll bei Viech in den Pyrenäen arabische Schriften ins Lateinische. Das Kloster Ripoll war deswegen so berühmt, dass der Mönch Gerbert von Aurillac ( 945- 1003), der spätere Papst Silvester II. , eigens zu Studien dorthin geschickt wurde.

Es ist eine historische Tatsache, dass in Andalusien unter der arabischen Herrschaft eine multikulturelle Gesellschaft bestand, die im allgemeinen in Frieden und Wohlstand lebte.

Betrachten wir nun eine weitere historische Phase, die politisch und psychologisch die folgenschwerste in den Beziehungen zwischen Orient und Okzident war. Gemeint ist die Zeit der Kreuzzüge.

Entgegen der allgemein herrschenden Meinung lebten die Europäer und die Einheimischen in der Levante unter der lateinischen Herrschaft meistens friedlich miteinander. Auch zwischen den von den Europäern beherrschten Gebieten und den islamischen Nachbarn herrschte die meiste Zeit Frieden und es

fand reger Handelsaustausch statt. In Einzelfällen wurden sogar Allianzen zwischen christlichen und islamischen Stadtstaaten geschlossen. Wie zum Beispiel zwischen dem islamischen Damaskus und dem christlichen Jerusalem (von 1139 bis 1148). oder zwischen Raimund von Tripoli und Saladin (von1185 bis 1187). Sogar die große Schlacht von Hattin, die die Eroberung Jerusalems durch Saladin und die Vertreibung der Kreuzfahrer zur Folge hatte, war von Saladin nicht von langer Hand geplant, sondern sie war die unmittelbare Folge der Tat eines habgierigen Raubritters. Das Motiv Saladins war nicht der Djihad, um Jerusalem von den ungläubigen Christen zu befreien, sondern Rache für seine Schwester.

Anfang 1187 hatte Rainald von Chatlion eine große muslimische Karawane überfallen und geraubt. In der Karawane reiste die Schwester Saladins mit. Sie war nach ihrer Pilgerfahrt nach Mekka auf dem Rückweg nach Syrien. Obwohl verärgert und in seiner Ehre verletzt, reagierte Saladin besonnen und griff nicht zur Gewalt. Er wandte sich an Guido von Lusignan, König von Jerusalem, damit dieser ihm Genugtuung verschaffe. Der König befahl Rainald, seine Beute zurückzugeben, was dieser hochmütig ablehnte. Daraufhin hat Saladin die muslimische Welt gegen Jerusalem mobilisiert. Im Frühjahr 1187 siegte er in der Schlacht von Hattin und eroberte Jerusalem.

Im Jahre 1225 hat Kaiser Friedrich II., König von Sizilien, in Brindisi die im italienischen Exil lebende Königin von Jerusalem Isabella II. geheiratet. Kaiser Friedrich II., der auch arabisch sprach nahm diplomatische Beziehungen zu Sultan Al Kamel von Kairo auf, der über Jerusalem herrschte. Nach langem Briefwechsel sind die beiden Herrscher Freunde geworden. Al Kamel, der ein Enkel Saladins war, hat im Friedensvertrag von Jaffa 1228 Friedrich II. ohne jegliche Kriegshandlung Jerusalem geschenkt. Damit hat Al Kamel das Recht der Jerusalemer Königsdynastie auf die Heilige Stadt anerkannt.

Während der Verhandlungen lud der Sultan Friedrich II nach Jerusalem ein. Als der Muezzin aus Rücksicht auf Fried- rich II. seinen morgendlichen Ruf zum Gebet nicht erschallen lies, stellte ihn der Kaiser zur Rede: „ Ich habe in Jerusalem übernachtet, um den Gebetsruf der Muslime und ihrem Lob Gottes zu lauschen. „Daraus kann man den gegenseitigen Respekt erkennen.

Nachdem die Araber alle Städte und Burgen der Kreuzfahrer zurückerobert hat- ten, sind viele Europäer im Orient geblieben und haben die führende Rolle in den Handelsbeziehungen übernommen, die sich in den folgenden Jahrhunderten zwischen Europa und den Städten der Levante ( östliche Mittelmeerküste ) entwickelten. Diese Handelsbeziehungen waren so intensiv, dass die Händler auf bei- den Seiten eine gemeinsame Sprache entwickelten. Sie war eine Mischung aus der damaligen italienischen- und der arabischen Sprache. Die heutige Maltesische Sprache hat sich ähnlich entwickelt. Sie ist eine Mischung aus italienisch und arabisch.

Dies zeigt, dass die Beziehungen der Kreuzfahrer zu den einheimischen Muslimen nicht immer von Gewalt und Krieg geprägt waren. Deshalb ist es übertrieben, wenn die Kreuzzüge von den Fundamentalisten

ausschließlich als Angriff auf den Islam betrachtet werden. Sie haben die Gemüter so auf-

gehetzt, dass der Westen für viele Muslime zu einem bösen Feind wurde, der sie vernichten

will. Die Pflege dieser Feindbildkultur wurde von den Islamisten zu einer Tradition entwickelt und ist mittlerweile für viele ein Trauma geworden. Wie weit dieses Trauma die Muslime noch heute bewegt, hat 1981 der Papst Attentäter Ali Akscha gezeigt, der in einem Brief geschrieben hat: „Ich habe beschlossen, Johannes Paul II., den obersten Führer der Kreuzfahrer zu ermorden“. Es sei dahin gestellt, ob das wirklich das Tatmotiv war. Aber eines wusste er sicher: Mit dieser Begründung findet er bei vielen Muslimen Verständnis für seine Tat.

Ein weiteres Trauma plagt viele Muslime und prägt ihre negative Haltung dem Westen gegenüber, nämlich die Vertreibung der Araber aus Spanien 1492. Andalusien wird von Vielen in der Islamischen Welt als das verlorene Paradies bezeichnet.

2001 kurz nach dem Terroranschlag des 11. September hat Osama Ben Laden in einem offenen Brief an den amerikanischen Präsidenten geschrieben: „ Das war Rache für das verlorene Paradies Andalusien“. Dies zeigt, wie stark die Feindbilder von bestimmten Kreisen gepflegt und wachgehalten werden. In diesem Zusammenhang können wir uns vorstellen, welch verheerende Wirkung die Worte des amerikanischen Präsidenten hatten als er nach dem 11. September von seinem Kreuzzug gegen den islamischen Terror sprach.

Der kulturelle Austausch zur Zeit der Kreuzzüge und der arabischen Herrschaft in Spanien war fast einseitig, nämlich von Ost nach West. Als die Europäer fleißig an den Universitäten in Kairo, Bagdad, Damaskus und Granada studier- ten, fürchteten die Araber den europäischen Einfluss auf ihre Kultur. Während die Europäer dank ihrer Offenheit und Flexibilität ihre moderne Kultur aufbauten, erstarrten die Araber in ihrer mittelalterlichen Kultur. Erst gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts begannen einige islamische Geistliche der AL Azhar Universität in Kairo und mehrere Intellektuelle in Syrien über die Notwendigkeit zu schreiben, sich dem Westen zu öffnen und von der abendländischen Kultur zu profitieren.

1916 hat sich Sharif Hussein von Mekka geweigert, der Forderung der Osmanen nachzukommen und die islamische Welt zum Djihad gegen die Alliierten aufzurufen. Das war der Beginn des arabischen Aufstands gegen die Osmanen. Mit Hilfe der Engländer (Lorenz von Arabien) wurden die Türken aus den arabischen Gebieten verdrängt. England versprach den Arabern die Unabhängigkeit. Trotzdem teilte es mit Frankreich im Sykes-Bicot Abkommen 1916 diese Gebiete unter sich auf. Sie blieben als Mandatsmächte bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges im Nahen Osten.

Zwischen den zwei Weltkriegen haben sich die arabischen Intellektuellen sehr intensiv mit der westlichen Kultur auseinandergesetzt. In dieser Zeit wurden viele Klassiker der europäischen Literatur übersetzt.

Die Gründung des Staates Israel, die 1948 mit Unterstützung des Westens erfolgte und die die Vertreibung der Palästinenser zur Folge hatte, war eine herbe Niederlage für die Liberalen im Nahen Osten.

Die Fundamentalisten sahen sich in ihrer Behauptung bestätig, dass der Westen immer nur die Vernichtung der arabisch- islamischen Welt zum Ziel hat. Die Gründung des Staates Israel wird von den Islamisten als neuer Kreuzzug bezeichnet basierend auf der Allianz zwischen Kreuzfahrern und Juden.

Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurden die Fundamentalisten massiv von den USA unterstützt und benutzt, um die Sowjetunion in Afghanistan zu bekämpfen.

In den arabischen Ländern wurden viele junge Männer, verführt von Hetzparolen und viel Geld, für den Kampf in Afghanistan rekrutiert. Die arabischen Regierungen sahen zufrieden zu, wie viele unzufriedene Arbeitslose und zum Teil kriminelle junge Männer von der Straße verräumt wurden. Die meisten dieser jungen Männer, die in Afghanistan nur das Kriegshandwerk gelernt und ausgeübt hatten, konnten sich nach ihrer Rückkehr in ihre Heimatländer nicht mehr im Alltagsleben zurecht finden. So begannen diese so genannten Mujaheddin ihre eigenen Länder zu terrorisieren. Wie z. B. in Syrien Anfang der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts, wie noch heute in Ägypten und in Algerien.

Der Hass auf die USA hat in erster Linie damit zu tun, dass die Amerikaner nach Abzug der Roten Armee aus Afghanistan diese fanatischen Kämpfer nicht mehr unterstützten. Die anderen Gründe wie der israelisch- palästinensische Konflikt oder der Kampf gegen die westliche Kultur wurden vorgeschoben, weil man damit die Gefühle vieler Araber und Muslime ansprechen konnte.

Das erklärte Ziel der selbst ernannten Mujaheddin, die westliche Kultur zu bekämpfen ist absurd. Sie haben dem Westen kulturell nichts entgegen zu setzen. Denn alles, was diese Fanatiker in ihrem Kampf benutzen, wie Internet, Fernsehen, Telefon und moderne Waffen sind Produkte der westlichen Kultur. Sogar ihre Finanzierung wird von reichen Geschäftsleuten aus arabischen und islamischen Ländern getätigt, die ihr Geld auf dem Kapitalmarkt in Europa und Amerika verdienen. Würden diese Terroristen einmal logisch über ihre Lage nachdenken, würden sie merken, dass sie an dem Ast sägen auf dem sie sitzen.

In Wirklichkeit wollen die Führer dieser verführten jungen Kämpfer nur die Machtergreifung in ihren Ländern. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus benutzten sie den Islam als alternative Ideologie, die sogar von einigen Altkommunisten akzeptiert wird.

Trotz der verheerenden Terroranschläge in den letzten Jahren dürfen wir nicht von einem Krieg der Kulturen sprechen. Denn diese Terroristen sind eine verschwindende Minderheit, verglichen mit einer Milliarde Muslime. Außerdem haben sie eine größere Anzahl ihrer islamischen Brüder ermordet als westliche ‚Ungläubige‘.

Diejenigen, die in diesem Zusammenhang vom Krieg der Kulturen sprechen, sind entweder ahnungslos oder sie wollen damit diesen Krieg herbeiführen.

Die Terroristen können sich auf gar keinen Fall auf das heilige Buch des Islams berufen, denn dort steht: „Ein jeder handelt nach seiner Weise. Und euer Herr weiß am besten, wessen Weg der beste ist“.

Für uns lässt sich die Botschaft aus dem Morgenland auf einen Koranspruch komprimieren: „In Wahrheit sind im Erschaffen der Himmel (Mehrzahl) und der Erde, im Wechsel von Tag und Nacht, Zeichen für jene zu finden, die einen gesunden Verstand haben“.

Es ist jedem überlassen, seinen eigenen Weg zur Vollkommenheit zu gehen.