Die FDP, ihr Verständnis von Freiheit und dem Tragen des Hidschab

 

In Neumünster kandidiert eine Türkin bei der Kommunalwahl für die FDP. Ihr Name spielt in dieser Sache eigentlich keine Rolle, denn es geht nicht um die Person, sondern um den Sachverhalt, dass diese Dame ein islamisches Kopftuch, den Hidschab (Hijab) trägt.

Das Echo auf die Werbeplakate der FDP war geteilt, viele rieben sich daran und kritisierten, wie man den Islam augenscheinlich in die Politik tragen könne, während andere vehement ihren Toleranzgedanken unterstrichen. Natürlich folgte auf die Kritik umgehend eine Verunglimpfung der Kritiker durch die „Toleranten“, indem man jene bösen Kritiker als Rechtspopulisten beschimpfte. (Quelle: https://www.shz.de/19423066 ©2018)

Dabei verweigern sich die FDP-Anhänger der Realität und beweisen ihre Unkenntnis einschließlich ihr Unvermögen, Religion aus der Politik und damit aus der Öffentlichkeit fernzuhalten.

Zeigt mir dies doch, dass der gleiche Geist in der FDP lebt wie Ende der 70er Anfang der 80er Jahre. Man gestatte mir diesen kleinen Schwenk. Wir wohnten damals mit unseren ersten beiden Kindern ziemlich im Zentrum Münchens. Ein nahegelegener Spielplatz, auf dem meine Frau gerne unsere Kinder hätte spielen lassen, war von türkischen Frauen und deren Kinder regelrecht in Besitz genommen. Alles war verdreckt und deutsche Kinder wurden vertrieben. Das war just zu dem Zeitpunkt, als die FDP vorschlug, Ausländern das kommunale Wahlrecht zu ermöglichen und ebenso zu dem Zeitpunkt, als die FDP von der SPD abschwenkte, um ihr Fähnchen für die CDU/CSU zu hissen. Zwei Gründe für mich als damaliger stellvertretender Bezirksvorsitzender der FDP München Süd, mein Parteibuch zurückzugeben.

Seitdem hat sich kaum etwas geändert in der FDP. Dies bestätigt mir gegenüber sogar ein leitender Mitarbeiter, der behauptet, in der FDP würden die selben alten Köpfe nur auf eine Renaissance ihrer Partei warten. Der smarte und redegewandte Lindner mache es möglich, meint er. Doch der Geist der Partei habe sich mit Lindner nicht geändert.

Der arme Friedrich Naumann, was würde er wohl sagen, wenn er den heutigen Zustand seiner Partei, es war auch mal die meine, sehen müsste?

In klugen Worten gab er den Leitgedanken der FDP vor. Er meinte:

„Und wenn wir klagen, daß der Fortschritt der Freiheit im deut- schen Volke kein eilender ist, so zwingt uns diese Beobachtung, bis in den Untergrund der Seelen hineinzuschauen und zu erwägen, wieviele arme Nützlichkeitsseelen vorhanden sind, die zu jeder Knechtschaft bereit sind, wenn man sie nur in Ruhe läßt. Man will sich nicht kompromittieren, nicht anstoßen, nicht stören, nicht unbequem werden. Das aber schadet alles der Freiheit im ganzen. Das erste darum, was wir tun können, um an der allgemeinen Freiheit mitzuhelfen, ist, daß wir selber frei zu werden suchen, soviel uns immer möglich ist.“
(Friedrich Naumann 1905)

„Wie es kleine Ästhetiker gibt, so gibt es auch kleine Politiker. Der eine strebt in Ausstellungen und andere in Ministerien oder Kammern und beide sind hohl, weil sie nicht überwältigt sind von der Größe ihrer Aufgabe, sondern nur sich selbst dienen mit allem Getue und Geplärre. Diese Sorte kann einem jede Politik und Kunst verderben, und ein Teil der Mißachtung der Politik in ästhetischen Kreisen kommt auf das Konto der Unterwertigen von den politischen Berufsvertretern. Aber würde es recht sein, die Künste nach ihren Heloten zu beurteilen? Ist es recht, die Politik mit solchem Maße zu messen? Jeder, der sie näher kennt, weiß, wieviel reale Arbeit in sie hineingesteckt wird. Achtung vor dieser volkserhaltenden, staatsbildenden Arbeit!“
(Friedrich Naumann 1908)

Ab 1898 trat Naumann im Sinne des politischen Liberalismus verstärkt für eine Trennung von Religion und Politik ein.

„Das Leben braucht beides: die gepanzerte Faust und die sanfte Hand Jesu, beides je nach Ort und Zeit.“ (Friedrich Naumann „Briefe über Religion“)

Natürlich kann man die Ansicht vertreten, die Zeiten ändern sich. Dem Gedanken folgend denkt und handelt die FDP heute anders, ich will nicht behaupten konträr, aber abgewandelt, angepasster. Drum hat man auch die Präambel, die früher die Friedrich Naumann-Stiftung zierte und den Parteigenossen ins Gewissen redete, einfach wegfallen lassen. Zu arg wäre der Kontrast, der Spiegel, in dem man sich als ehrenwerter Verfechter Naumannscher Vorgaben nun nicht mehr sehen könnte.

Freiheit, wie Naumann sie definiert und Freiheit als Tugend und wesentliches Merkmal des aufgeklärten Humanismus. Freiheit ist der Zustand, unabhängig, nicht unterdrückt zu sein und ohne Zwang handeln zu können. Im selben Atemzug spricht der Humanismus von der Gleichberechtigung, denn nur wer gleichberechtigt ist, ist auch frei, kann frei wählen und entscheiden.

Und warum hält man sich nicht an das, was man selbst propagiert? In der Lesereihe der Friedrich-Naumann-Stiftung unter dem Motto „Freiheit, Frieden und Toleranz sind Merkmale, die eine offene Gesellschaft ausmachen“ lud die Stiftung zu einem Gästeabend am 26.April 2016 in Potsdam ein. Als Gast las Sineb El Masrar aus ihrem Buch „Emanzipation im Islam – Eine Abrechnung mit ihren Feinden“
Ihr Tenor: „Habt endlich den Mut, eure Rechte für ein gleichberechtigtes Leben einzufordern.“ Und diese Gleichberechtigung gibt es im tief patriarchalisch geprägten Islam nicht, schreibt sie.

Jetzt könnte man sagen, es steht der oben genannten Kandidatin frei, ein Kopftuch zu tragen. Absolut, wenn es ein Kopfschmuck wäre, doch handelt es sich hier nicht um einen Kopfschmuck, auch wenn charmante und modebewusste Iranerinnen es perfekt verstehen, dieses Zwangssymbol dahingehend zu entkräften. Aber für eine gläubige und anständige islamische Frau geziemt es sich nun mal, ein Kopftuch zu tragen.
Und deshalb handelt es sich bei dem islamischen Kopftuch um ein Symbol der Unterdrückung und verstößt somit gegen den Freiheitsgedanken.
https://www.welt.de/debatte/kommentare/article139984819/Im-Iran-oder-Saudi-Arabien-waere-ich-laengst-tot.html

Warum denn wohl wehren sich Frauen im Iran gegen den Zwang ein Kopftuch tragen zu müssen? Will man diesen Frauen hier bei der FDP in den Rücken fallen?

Die Perserin Mina Ahadi sagt zum Hidschab folgendes:
„Das Kopftuch (Hidschab) ist ein politisches Instrument, um die Religion in das Privatleben der Menschen zu verankern und Macht über sie auszuüben.“

Da verhält sich die FDP (Ausnahme Albert Duin:  https://www.tichyseinblick.de/gastbeitrag/albert-duin-der-islam-gehoert-zu-deutschland/ ) konträr zu hiesigen Frauenaktivistinnen, die sich mit den Iranerinnen solidarisch zeigten. Ihre Botschaft war eindeutig: „Fight for women’s liberation from religious oppression“, „Unveil women’s right to unveil“ und „There is war on women.“ – „Kampf für die Befreiung der Frauen von religiöser Unterdrückung“, „Enthüllt das Recht der Frauen, sich zu enthüllen“ und „Es gibt Krieg gegen Frauen“.
Natürlich ließ die Kritik an solchen Aktionen nicht lange auf sich warten. Pseudo-Feministinnen warfen den Aktivistinnen Rassismus vor, wie sollte es auch anders sein.
https://www.cicero.de/kultur/islam-und-frauenrechte-pseudo-feministinnen-mit-kopftuch

Auch prominente Deutsch-Türkinnen wehren sich gegen das Kopftuch und appellieren, als Zeichen ihrer Integrationsbereitschaft das Kopftuch abzulegen: „Wer sich verschleiere, grenze sich bewusst von der deutschen Gesellschaft ab“.

„Das Kopftuch ist ein Symbol der Frauenunterdrückung. Wer von Frauen verlangt, dass sie ihren Kopf und das Haar verhüllen, macht sie zu einem Sexualobjekt“, sagte Ekin Deligöz, Bundestagsabgeordnete der Grünen, der „Bild am Sonntag“. Deligöz richtete sich an die muslimischen Frauen: „Kommt im Heute an, kommt in Deutschland an. Ihr lebt hier, also legt das Kopftuch ab!“

Und die SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün kritisierte das Kopftuch als diskriminierend und forderte Gleichberechtigung für Musliminnen. „Es geht nicht an, dass der türkische Mann im modischen Anzug auf die Straße geht – und seine Frau neben ihm muss einen unscheinbaren, bodenlangen Mantel und ein Kopftuch tragen.“

Mehmet Daimagüler, Ehrenvorsitzender der Liberalen Türkisch-Deutschen Vereinigung und ehemaliges Mitglied im FDP-Bundesvorstand, sagte, es gehe bei dem Kopftuchstreit nicht nur „um ein Stück Stoff – es geht um die Frage der Zugehörigkeit oder der bewussten Abkehr von der Gesellschaft“. Jede Frau solle sich überlegen, ob sie sich davon „bewusst abgrenzen möchte, wenn sie sich verschleiert oder Kopftuch trägt“.
Daimagüler sagte weiter: „Wir Muslime müssen uns ohne Wenn und Aber zu Deutschland, unserer Heimat, bekennen.“ Dieses Bekenntnis müsse mehr sein als ein Ja zum Grundgesetz. Es gehe „auch um das Anerkennen hiesiger Traditionen und Sitten“.

Die in Skopje geborene Zana Ramadani kämpft mit provokanten Thesen an Schulen gegen das Kopftuch. Sie meint in einem Interview: „Vor allem in Schulen sollten Kinder kein Kopftuch tragen dürfen. Das ist für mich völlig inakzeptabel! …
Wer das Kopftuch mit Freiheit verbindet, blendet aus, dass fast überall in der muslimischen Welt die Mehrheit der Frauen überhaupt keine Wahl haben, sich zu entscheiden, ob sie sich verschleiern wollen oder nicht. Sie werden dazu gezwungen. Das ist das Gegenteil von Freiheit und Toleranz. …
Für mich ist ein Kopftuch ein ähnliches Statement, wie wenn Rechtsradikale Springerstiefel tragen. …Das Kopftuch ist ein Symbol für Radikalität und Geschlechterapartheid. Es widerspricht unseren Werten…
Unsere Werte spiegeln sich in unserem Grundgesetz wider. Wir haben Religionsfreiheit. Das bedeutet aber auch, dass jeder das Recht hat, frei von Religion leben zu können. Gerade im öffentlichen Raum hat ein Kopftuch als religiöses Symbol nichts zu suchen. Von mir aus kann sich zu Hause jeder vermummen, wie er will. Aber endlose Toleranz halte ich in dieser Frage für einen großen Fehler.

https://www.augsburger-allgemeine.de/politik/Das-Kopftuch-ist-ein-Symbol-wie-wenn-Rechtsradikale-Springerstiefel-tragen-id41156581.html

Man lese dazu nur die bewegende Rede der Schauspielerin Sibel Kekilli auf ihrer Homepage nach, die auf Einladung des Bundespräsidenten und der Hilfsorganisation Terres des Femmes am 6. März im Berliner Schloss Bellevue davon sprach, welchen Mut es braucht, als junges muslimisches Mädchen ein freies, selbstbestimmtes Leben zu wählen.
Islamische Mädchen werden weit vor der Pubertät gedrängt, ein Tuch zu tragen

Der italienische Essayist Paolo Flores D’Arcais schreibt in der neuen Ausgabe der Zeitschrift „Lettre“ zum Thema „Wer ist Charlie?“: „Ein reformierter und säkularisierter Islam (erscheint) heute nahezu inexistent. Sich dies nicht einzugestehen, ist Blindheit und die reinste Heuchelei des westlichen Establishments…“

https://www.google.de/amp/s/amp.tagesspiegel.de/politik/nach-dem-urteil-das-kopftuch-bleibt-ein-symbol-der-unfreiheit/11539046.html

Die in Istanbul geborene Emel Zeynelabidin trägt seit 10 Jahren kein Kopftuch mehr. Sie sagt: „Ich liebe die Freiheit (auch meiner Haare) und nutze umso mehr die vielen Möglichkeiten, meine soziale Bewegungsfreiheit und meine Persönlichkeitsentwicklung zu gestalten. Hier in Deutschland ist das glücklicherweise möglich.
In einem Land wie dem Iran oder Saudi-Arabien wäre ich mit meinem Schritt in den selbstbestimmten Glauben schon längst ein toter Mensch.

…Zudem ist es ein Betrug an der Weiblichkeit und eine eklatante Infragestellung der Würde von Männern.
Es legt eine moralische Schamhaftigkeit bei Frauen fest, die in ihre natürliche Persönlichkeitsentwicklung eingreift…“
https://www.google.de/amp/s/amp.welt.de/amp/debatte/kommentare/article139984819/Im-Iran-oder-Saudi-Arabien-waere-ich-laengst-tot.html

 

Auszug aus dem Interview mit dem Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi:

Wenn das Kopftuch kein religiöses Symbol ist, was ist es dann?

Ourghi Es ist ein historisches Produkt der männlichen Herrschaft in der Geschichte der Muslime, ein Instrument der Unterwerfung der Frau. Denn es geht dabei um die Kontrolle des Körpers und des Geistes der Frauen, damit sie sich der männlichen Macht unterordnen. Es gibt nirgendwo auf der Welt eine Gemeinschaft, die mehr Angst hat vor der Selbstbestimmung und der Selbsterfüllung der Frauen als die Muslime.“

https://rp-online.de/politik/deutschland/abdel-hakim-ourghi-das-kopftuch-ist-ein-instrument-der-unterwerfung_aid-24216549?output=amp&__twitter_impression=true

Was gäbe es dazu noch zu ergänzen? Ich glaube nichts Wesentliches. Außer, dass sich eine deutsche Männerwelt dazu erdreistet, über Dinge zu sprechen, von denen sie nichts versteht und den Muslimas erklären will, dass das Kopftuch nichts weiter sei, als ein Kopftuch, nämlich ein Bekleidungsstück.