
Meine Mutter, ehemalige Redakteurin beim Saarländischen Rundfunk, berichte mir schon in den 1970er Jahren, wie wichtig es für viele sei, das richtige Parteibuch zu besitzen, wenn man beruflich im Öffentlich-Rechtlichen-Rundfunk aufsteigen wollte. Sie selbst hielt es nicht so, denn sie ließ sich nicht verbiegen. So spurteten andere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an ihr vorbei, obwohl denen das nötige Wissen und Können fehlte. Meiner Mutter war das zwar nicht egal, aber ihre eigene Meinung war ihr zu wichtig, als dass sie sich opportunistisch verkauft hätte.
Ihre Aufgaben gewissenhaft und vorbildlich zu erledigen, eine Arbeit, für die nach ihrem altersbedingten Ausscheiden drei Sachbearbeiterinnen eingestellt werden mussten, weil eine Person dem Aufwand nicht gewachsen war, gab meiner Mutter Genugtuung und einen ruhigen Schlaf. Schon damals erklommen die Angepassten die Karriereleiter schneller als diejenigen, die durch Integrität, Präsenz, Können und Zuverlässigkeit Verantwortung und Engagement bewiesen.
Anders M.B., der Protégé meiner Mutter, der zwar das passende Parteibuch besaß, aber aufgrund seines Könnens später als Fernsehfilmchef, Fernsehregisseur, Drehbuchautor, Journalist und Schriftsteller tätig war. Er kritisierte mir gegenüber die gleichen Missstände gegen die auch er, trotz des „richtigen“ Parteibuchs zu kämpfen hatte.
Fast identisch berichte mir mein bester Freund M.K., in den 1990er Jahren bis ca. 2012 Außenkorrespondent und Chef vom Dienst bei einem großen Privat-TV-Sender, dass die Konformisten, egal welche Qualität sie lieferten, führende Positionen eroberten. Er, der weltweit Reportagen leitete und einflussreiche Personen interviewte, beklagte, dass dies nicht nur im Journalismus und Medienbereich so sei, sondern überall, in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
Diesbezüglich fiel ihm auf, wie das WEF bemüht war, gezielt Journalisten und andere Personen für die Ideologie selbigen Forums mit finanziellen Zuwendungen als Young Global Leaders zu gewinnen. Dabei kam es anscheinend weniger auf die Qualifikation an (siehe auch Andrea Mattozzi und Antonio Merlo: Untersuchungen zur Rekrutierung und abnehmenden Qualität von Parlamentariern), als auf ein ansprechendes Erscheinungsbild, Wortgewandtheit, Anpassungsfähigkeit und Begeisterung für das Konzept des Stakeholder-Kapitalismus, einen modernen Kollektivismus. Auch an ihn seien sie herangetreten. Aber einen Kollektivismus, egal welcher Art, lehnte mein Freund kategorisch ab. Auch er war, wie meine Mutter, nicht gewillt, seine individuelle Freiheit aufzugeben und einem Kollektiv unterzuordnen.
Verfechter solcher kollektiven Strukturen reden blumig von Zusammenhalt, dabei wird der Bürger zum Befehlsempfänger und vom selbstverantwortlichen Individuum zum ohnmächtigen Erfüllungsgehilfen der Staatsräson degradiert. Der Kollektivismus stellt das Wohl und die Ziele der Gruppe über die des Individuums, so die Definition der Bundeszentrale für politische Bildung. Kollektivismus korreliert dabei vor allem mit dem Engagement gegenüber der Organisation und ihren Abteilungen („Die Bedeutung kultureller Werteorientierung für das Commitment gegenüber der Organsisation, dem Vorgesetzten, der Arbeitsgruppe und der eigenen Karriere“: Jörg Felfe, Renate Schmock, Bernd Six 2006).
Auf den Einzelnen kommt es im Kollektiv nicht mehr an. Und der Einzelne hat auch keinen Grund, sich von der Masse abzuheben. Sein Lebenszweck ist es, Teil des großen Ganzen zu sein und Konformität an den Tag zu legen. Diese „institutionelle Konformität“ fördert zwangsläufig Mittelmäßigkeit. Denn wozu sich ins Zeug legen, wenn Staat oder Organisation es sind, die den Ton angeben und die Richtung bestimmen? Entsprechend gilt ein Konzept des Leistungsstrebens in vielen Teilen der modernen Gesellschaft als toxisch, nicht zuletzt weil übermäßiger Ehrgeiz oft als unsolidarisch und rücksichtslos empfunden wird. Oren Yakobi schreibt: Der Mensch ist auf das Überleben programmiert, nicht auf Spitzenleistungen (The Psychology of Mediocrity — a Business Perspective, Oren Yakobi 2023).
Wenn aber Mitarbeiter keine erfolgsorientierten Spitzenleistungen bringen, sondern nur durchschnittliche, warum haben diese Personen oft bessere Aufstiegschancen?
Die Gründe liegen auf der Hand:
- Fähige Menschen hinterfragen Strukturen.
- Kreative Menschen erzeugen Konflikte.
- Durchschnittliche Menschen sind leichter steuerbar.
- Netzwerke zählen häufig mehr als Kompetenz.
- Anpassungsfähige Personen sind für Netzwerke geeigneter als hinterfragende Individuen.
- Loyalität wird oft stärker belohnt als Leistung.
Nicht das Mittelmaß an sich ist das Problem. Das Problem entsteht, wenn Mittelmaß die Maßstäbe festlegt. Und genau das passiert, wenn Mittelmaß an Positionen gelangt, von denen aus die Weichen gestellt werden, so wie zu anfangs geschildert.
Dieses Problem ist allerdings nicht neu. In seinem Buch „Das Peter-Prinzip“ postulierte Laurence J. Peter 1969, dass Menschen in Hierarchien bis zu ihrer Stufe der Unfähigkeit befördert werden. Das bedeutet: gute Leistungen auf einer Ebene qualifizieren nicht automatisch für die nächsthöhere. So gelangen Mitarbeiter, die man für ihre Unterstützung und Loyalität belohnen will, schließlich auf Positionen, die sie zwar überfordern, von der sie aber Macht ausüben können.
Das entspricht dem umstrittenen Begriff Mediokratie (lat. mediocris ‚mittelmäßig‘ und a.gr. kratein ‚herrschen‘), der in der soziologischen Eliteforschung entwickelt wurde. Er beschreibt eine Situation, in der eher mittelmäßig begabte Menschen die entscheidenden Schaltstellen einer Gesellschaft besetzt halten und ihre Macht dazu nutzen, um höher begabten Konkurrenten den Aufstieg zu verwehren.
Die Frage zwängt sich auf, ob es klug und weitsichtig ist, wenn der mittelmäßig Begabte die Macht innehat und Maßstäbe setzt?
Für Plato war die ideale Staatsform die Herrschaft der Weisesten. Die moderne Demokratie ging später von der Gleichheit aller Bürger aus. Heute stellt sich jedoch die Frage, ob wir nicht in vielen Bereichen eine dritte Form erleben: Nicht die Herrschaft der Besten und nicht die Herrschaft aller, sondern die Herrschaft der Organisationen, Bürokratien und Lobby-Verbände.
Da Organisationen häufig nicht nach Weisheit ihre Mitarbeiter auswählen, sondern nach Funktionalität, entwickeln sie Kriterien und Mechanismen, die bestimmte Persönlichkeitstypen begünstigen und andere Eigenschaften belohnen als es früher üblich war, wo noch ein ehernes Leistungsprinzip galt und nicht ein Streben nach Work-Life-Balance. Wobei letzteres ja nicht schlecht ist.
Moderne Organisationen produzieren auch nicht zwangsläufig Unfähigkeit und Mittelmaß. Schließlich erweisen sich manche Personen an der Spitze durchaus als intelligent, erfinderisch und fachlich kompetent. Dabei handelt es sich jedoch um eine elitäre Spitze, die sich abkapselt, gelöst vom Willen der breiten Masse, „während die Demokratie innerhalb großer Organisationen strukturell untergraben wird. Wachstum, Arbeitsteilung und Professionalisierung schaffen eine Führungsschicht, die eigene Interessen verfolgt und sich von der Basis entfernt“, so Robert Michels, der das „Eherne Gesetz der Oligarchie“ entwickelte: Jede Organisation werde langfristig von einer kleinen Führungsschicht dominiert.
Da politische Eliten stets Macht anstreben und Demokratie nur durch konkurrierende Eliten gesichert werde, so der US-amerikanischer Philosoph und Soziologe James Burnham, ist es wichtig, dass es Gegensätze, sprich Oppositionen gibt. Werden diese unterdrückt und verschwinden, verschwindet mit ihnen die Demokratie. Burnham argumentiert, dass idealistische Konzepte oft nur als Werkzeuge dienen, mit denen Eliten ihre Herrschaft legitimieren und die Massen manipulieren. Und wer lässt sich besser manipulieren als eine mittelmäßig begabte Person, die sich stets anpasst, um jedem Konflikt aus dem Weg zu gehen?
Ähnlich sieht es Gaetano Mosca. Seiner Meinung nach existiert in jeder Gesellschaft eine politische Klasse, die aufgrund organisatorischer Überlegenheit die Herrschaft ausübt. Diese Klasse stabilisiert ihre Macht durch eine „politische Formel“, ein System von Idealen und Institutionen, das ihre Legitimation sichert.
Der amerikanische Ökonom Thomas Sowell schrieb mehrfach über die Gefahr einer selbstrekrutierenden Elite. Er argumentiert, dass die Elite ihre fehlerhaften politischen Maßnahmen oder Ideen nur selten überdenkt – selbst dann nicht, wenn ihr empirische Belege für die von ihr verursachten Katastrophen vorliegen. Eliten würden häufig Utopien propagieren, die der breiten Gesellschaft letztlich mehr schaden als nützen.
Die Folgen solcher Entwicklungen sind immer ähnlich:
- tiefgreifende Verzerrung demokratischer Prozesse
- Verfestigung sozialer Ungleichheit
- Entfremdung zwischen Entscheidungsträgern und breiter Masse
- die Eliten verlieren die Lebensrealität der Durchschnittsbevölkerung aus den Augen
- Netzwerke werden wichtiger als Leistung
- Loyalität wird wichtiger als Wahrheit
- Kollektivismus schlägt Individualismus
- gleichmacherische Kultur (dazu: Fabian Tassano, ein deutsch-britischer Ökonom)
- Verwaltung wächst schneller als Produktivität
- Kritiker werden ausgegrenzt
- Mittelmaß reproduziert Mittelmaß
- Abgehobenheit der Eliten führt zu Politikverdrossenheit
Punkt 11. weist auf ein Grundübel unserer Gesellschaft hin. Ein Professor sagte an der juristischen Fakultät Passau folgenden Satz zu uns, der im übertragenen Sinn hierzu passt: Nemo plus iuris transferre potest quam ipse habet – Niemand kann mehr Recht übertragen als er selbst hat (Ulpian, römischer Jurist, 46. Buch seiner Kommentare).
Analog dazu kann niemand mehr Wissen übertragen als er selbst vermittelt bekommen hat. Sinken Bildungsstandards über mehrere Generationen hinweg, entsteht zwangsläufig ein Qualitätsverlust. Nicht aus Boshaftigkeit oder Gleichgültigkeit, sondern weil jede Generation nur das weitergeben kann, was sie selbst beherrscht.
Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn nicht mehr Exzellenz, sondern Durchschnittlichkeit die Maßstäbe definiert?
Die Antwort gibt der selbe Dozent, indem er behauptet, laut den Gutachten, die er erstellen musste, seien ca. 30 Prozent aller Urteile Fehlurteile. Das erklärt doch eigentlich alles, denn in anderen Berufsbereichen ist es nicht besser. Was bleibt, ist ein geringer Prozentsatz an echten Experten. Mit dieser Erfahrung stehe ich keineswegs allein, viele mit denen ich sprach, haben Ähnliches erlebt.
Diese Entwicklung wirkt sich nicht nur auf Schulen und Universitäten aus, sondern später auch auf Verwaltung, Politik, Medien und Wirtschaft. Wer heute ausbildet, prägt die Entscheidungsträger von morgen.
Was ist zu tun, um eine Trendwende zu erwirken?
Gesellschaften benötigen Freiheit, Verantwortung, Leistungsbereitschaft und Mut, um diesen Prozess zu durchbrechen.
Dazu brauchen wir wieder Vorbilder, Menschen mit Visionen, Tatkraft, Selbstverantwortung und Ambitionen. Wir brauchen Menschen, die es wagen aus der trägen Masse herauszutreten. Kreativität und Leistung müssen belohnt werden, monetär wie ideell. Erfolgt dies nicht, endet das Ganze im Kommunismus, beziehungsweise in einem einengenden und bevormundenden, totalitären Kollektivismus.
Zum Nachdenken gereicht da die „Berliner Rede“ (auch bekannt als „Ruck-Rede“), die der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog am 26. April 1997 hielt.
„Ich ermutige zur Selbstverantwortung, damit unsere jungen Menschen Freiheit als Gewinn und nicht als Last empfinden. Freiheit ist das Schwungrad für Dynamik und Veränderung. (…) Wir müssen unserer Jugend zu mehr Selbständigkeit, zu mehr Bindungsfähigkeit, zu mehr Unternehmensgeist und mehr Verantwortungsbereitschaft Mut machen. Wir sollten ihr sagen: Ihr müsst etwas leisten, sonst fallt ihr zurück. Aber: Ihr könnt auch etwas leisten. Es gibt genug Aufgaben in unserer Gesellschaft, an denen junge Menschen ihre Verantwortung für sich und das Ganze beweisen können. (…) Wir müssen jetzt an die Arbeit gehen. Ich rufe auf zu mehr Selbstverantwortung. Ich setze auf erneuerten Mut. Und ich vertraue auf unsere Gestaltungskraft. Glauben wir wieder an uns selber. Die besten Jahre liegen noch vor uns.“
Tja, das war 1997. Und heute?